Deutscher Arbeitsmarkt vorerst resistent gegen Brexit-Virus

Das Brexit-Votum der Briten hat mittelfristig keine größeren Auswirkungen auf Konjunktur und Arbeitsmarkt in Deutschland. Aktuell machen die deutschen Exporte nach Großbritannien nur etwa sieben Prozent aus. Ein Schrumpfen in dieser Größenordnung kann die Bundesrepublik verkraften.

Als am vergangenen Wochenende die Nachricht vom Brexit die Runde machte, schockte das zwar die Finanzmärkte, nicht aber Enzo Weber. Der Prognoseexperte beim Nürnberger Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) sieht nach dem Votum der Briten keinen Grund, in Alarmstimmung zu verfallen. Denn er und andere Arbeitsmarktexperten halten die Auswirkungen eines britischen EU-Austritts für Konjunktur und Arbeitsmarkt in Deutschland für begrenzt – vorausgesetzt, Großbritannien wird als Handelspartner nicht schlechter gestellt als etwa die USA. Auch sollten die EU und ihre Institutionen wegen der Brexit-Krise nicht in eine Vertrauenskrise geraten. Das berichtet die dpa.

Natürlich, so räumt auch Weber ein, sei die knappe Mehrheit der Briten für ein Ausscheiden aus der EU «keine triviale Angelegenheit». Schließlich sei Großbritannien mit einem jährlichen Außenhandelsumsatz von 127,6 Milliarden Euro Deutschlands fünftgrößter Handelspartner. Vor allem für die deutschen Auto- und Maschinenbauer ist Großbritannien ein wichtiger Absatzmarkt. So gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2015 Autos und Autoteile im Wert von 29,1 Milliarden Euro, Maschinen für 8,8 Milliarden Euro nach Großbritannien.

Mit gravierenden Auswirkungen für den deutschen Arbeitsmarkt rechnet der IAB-Forscher dennoch nicht. Dabei macht er folgende Rechnung auf: «Die deutschen Exporte nach Großbritannien machen etwa sieben Prozent aus. Selbst wenn von diesen sieben Prozent wiederum zehn Prozent wegen des Brexits wegfallen, ist das eine Größenordnung, die die Gesamtwirtschaft verkraften kann», ist er überzeugt. Einzelne Betriebe und ihre Beschäftigten werden den Brexit wohl spüren, gibt Weber zu bedenken. «Einzelne kann das schon hart treffen.» Den Arbeitsmarkt in Gänze hält er aber für ausreichend robust.

Größere Auswirkungen für den deutschen Arbeitsmarkt sieht kurz- und mittelfristig auch der Arbeitsmarktforscher Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz nicht. «Wenn Investitionsentscheidungen wegen des unsicheren Umfelds aufgeschoben werden, dann trifft das wohl eher den britischen Arbeitsmarkt», glaubt Sell. Auch glaubt er nicht, dass etwa Absatzprobleme der deutschen Autobauer in England deutsche Jobs überflüssig machen. «Das wirkt sich in der Regel nicht 1:1 auf dem deutschen Arbeitsmarkt aus», sagte Sell. Bisher sei es der deutschen Industrie in solchen Fällen bisher fast immer gelungen, sich neue Märkte – etwa in Asien oder Amerika – zu erschließen.

Tatsächlich scheint es in vielen deutschen Branchen trotz fortdauernder außenwirtschaftlicher Unsicherheit ausgesprochen rund zu laufen. Die deutschen Maschinenbauer konnten zuletzt im April große Aufträge an Land ziehen, die Elektroindustrie verbuchte in dem Monat deutlich mehr Aufträge als vor einem Jahr. Und auch die Stimmung im deutschen Mittelstand war laut KfW-Mittelstandsbarometer im Mai ausgesprochen gut. Auch die Bundesbank sieht die deutsche Wirtschaft trotz leicht gesunkener Wirtschaftserwartung in diesem Jahr vor einem stabilen Aufschwung. Sie rechnet genauso wie die OECD für Deutschland mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 1,7 Prozent.

Kein Wunder, dass den meisten Arbeitsmarktexperten auch in der zweiten Jahreshälfte nicht bange um den deutschen Arbeitsmarkt ist. Eine Rolle spielt dabei wohl auch, dass inzwischen vor allem die Binnennachfrage – die Ausgaben des deutschen Staats und ihrer Bürger – und weniger der Export wesentliche Triebkraft für die Konjunktur ist. Das IAB geht daher davon aus, dass «sich der positive Beschäftigungstrend» in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt. «Einen saisonbereinigten Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermeiden, wird aber schwieriger werden», schätzt Weber. Denn in der zweiten Jahreshälfte dürften sich verstärkt arbeitssuchende Flüchtlinge bei den Jobcentern melden.

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