Brexit könnte Chance für Finanzplatz Wien werden

Der Austritt Großbritanniens aus der EU bietet dem Finanzplatz Wien die Chance, Geschäft aus London abzuziehen.

Der Brexit und dessen Auswirkungen auf die Kapitalmärkte standen im Mittelpunkt der „Q-Check“-Roadshow im Wiener Hotel Imperial, veranstaltet von Der Börsianer und Metrum Communications. Renommierte Anlageexperten diskutierten über Anlage-Chancen und -Risiken im aktuellen Niedrigzins-Umfeld. Außerdem gaben Elisabeth Stadler, Vorstandsvorsitzende der Vienna Insurance Group AG (VIG), sowie Andreas Brandstetter, Vorstandsvorsitzender der UNIQA Insurance Group AG, Updates zu ihren Investment-Stories.

Wolfgang Matejka, Chief Investment Officer Wiener Privatbank SE, sieht nach dem Brexit-Votum auch positive Folgen für europäische Standorte: „Viele Unternehmen verschieben ihre Aktivitäten weg von London, hin zu anderen europäischen Finanzplätzen wie Frankfurt.“

Österreich sei unterdurchschnittlich stark vom Brexit betroffen: „Österreich ist weniger stark an Großbritannien, sondern mehr an Osteuropa orientiert. Die Umsatzträger der Wiener Börse sind zu rund 50 Prozent mit Osteuropa verbunden.“ Wo sieht er aktuell Anlagechancen? „Bei europäischen Immobilienaktien scheinen stabile Investments möglich, in Österreich notieren einige Unternehmen nach wie vor mit interessantem Abschlag auf den NAV. Außerdem empfehlen wir in Unternehmen mit nachhaltigem Geschäftsmodell und hoher Dividendenrendite zu investieren.“

Laut Robert Senz, Head of Fixed Income Erste Asset Management, bestehen viele Brexit-Risiken für Großbritannien, aber auch eine ultimative Gefahr für den Euro, wenn der Brexit andere Länder anstecken sollte. Der Experte erwartet, dass das Niedrigzins-Umfeld weiter anhält, und sieht die Gefahr, dass Marktteilnehmer verlernen, mit Risiken umzugehen. Bei der Entwicklung der Negativzinsen sollte im Bereich von 80 bis 100 Basispunkten ein Boden gefunden werden. „Chancen sehen wir derzeit weniger im Investment-Grade-Bereich, sondern vor allem mit breiter Diversifikation bei Anleihen in den Emerging Markets sowie am osteuropäischen Anleihenmarkt mit offenen Währungen.“

Johannes Rogy, Head of Fund Distribution Nordea Investment Funds, meint zu den Folgen des Brexit: „Für Großbritannien besteht die Gefahr einer leichten Rezession. Sowohl die Bank of England als auch die EZB werden die Geldpolitik lockern. Wir erwarten, dass es schließlich zu einem Freihandelsabkommen zwischen den EU27 und Großbritannien kommen wird, es gibt jedoch viele Unsicherheiten auf dem Weg dorthin. Bei Veranlagungen wird seit langer Zeit nicht mehr die Arbeit der Analysten belohnt, im Vordergrund steht vielmehr die durchdachte Asset Allocation.“

Die Vorstandsvorsitzende der Vienna Insurance Group AG (VIG), Elisabeth Stadler, möchte die bestehende Strategie nicht wesentlich ändern, aber doch schärfen: „Unser Fokus gilt weiterhin dem Heimatmarkt Österreich sowie Osteuropa. In ausgewählten Ländern wie beispielsweise Polen wollen wir unseren Marktanteil weiter heben. Die Investitionen können wir aus unserem Kapital finanzieren.“ Gefragt nach ihren Zielen für die VIG, sagt Stadler: „Wir wollen mehr Stabilität in unsere Ergebnisse und Prognosen bringen.“ Das Ziel für die Combined Ratio liege bei 95 Prozent. Investoren stellt sie eine Pay-Out-Ratio von etwa 30 Prozent in Aussicht.

Investitionen stehen auch bei Andreas Brandstetter, Vorstandsvorsitzender der UNIQA Insurance Group AG, an: „Wir investieren 500 Millionen Euro in die Digitalisierung und werden künftig ein Plattform-Unternehmen sein. Derzeit entfallen etwa 3 Prozent der Umsatzprämie auf den Online-Bereich, das wird sich in den nächsten zehn Jahren aber stark ändern.“ Im Bereich Lebensversicherung erwartet er in Österreich im aktuellen Umfeld schrumpfende Erträge. Insgesamt ist Brandstetter positiv gestimmt und bietet Investoren ein nachhaltiges Geschäftsmodell, stabile Erträge und eine hohe Dividendenrendite: „Unser Cashbestand ist hoch wie nie, wir verfügen über hohe stille Reserven und unsere Investoren profitieren von einer hohen Pay-Out-Ratio und steigenden Dividenden“, so Brandstetter.

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