Niedrigzins: Unternehmen zahlen Steuern für fiktive Gewinne

Eigentlich sollen die seit Monaten anhaltend niedrigen Zinsen, die Banken dazu ermutigen, mehr Kredite an Unternehmen zu vergeben. Doch tatsächlich schaden die Zinsen den Unternehmen eher, als das sie ihnen nützen. Die niedrigen Zinsen bei Geldanlagen führen nämlich dazu, dass die Unternehmen insgesamt mehr Geld für ihre Pensionszusagen zurücklegen als früher.

Grund dafür sind die ursprünglich gemachten Pensionsversprechen. Denn weil die Firmen weniger Zinsen für ihr Geld erhalten, müssen sie selbst mehr zurückstellen, um ihren Verpflichtungen später nachkommen zu können. So stieg die Zahl der Rückstellungen zwischen 2008 und 2014 von 22.000 auf 37.000 Euro pro Kopf, wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt. Der Rückgang des Zinssatzes um einen Prozentpunkt führt dabei zu einer Erhöhung der Pensionsrückstellungen um 14 bis 17 Prozent!

Darüber hinaus sind die Unternehmen jedoch doppelt gestraft. Denn der Fiskus hat keine Angleichung der Steuern aufgrund der eben geschilderten Mehrbelastung durchgeführt. „Das Steuerrecht geht weiterhin von deutlich höheren Zinsen auf die Geldanlagen aus. Im Ergebnis müssen die Firmen deshalb Steuern auf fiktive Gewinne zahlen“, so das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Letztlich erhalten die Unternehmen zwar nach einer gewissen Zeit das Geld zurück, doch die zwischenzeitliche Mehrbelastung ist Tobias Hentze vom IW zufolge brandgefährlich.

„Den Unternehmen fehlt es an Liquidität, weil sie zu viel Geld ans Finanzamt abführen müssen“, so Hentze. „Also schieben sie Investitionen auf oder verzichten ganz auf sie.“ Letztlich gefährde das aber Arbeitsplätze und im schlimmsten Fall können Firmen zahlungsunfähig werden, während der Staat ein zinsloses Darlehen von ihnen bekomme. Insgesamt ergibt sich aus der Besteuerung der fiktiven Gewinne eine Mehrbelastung der Unternehmen zwischen 20 bis 25 Milliarden Euro.

Denn der sinkende HGB-Rechnungszins (Handelsgesetzbuch) und die somit steigenden Pensionsrückstellungen belasten dem IW zufolge die Unternehmen über verschiedene Wirkungskanäle: „Aufgrund der geringeren Eigenkapitalquote – verstärkt durch eine höhere Kreditaufnahme – kann es zu einer Verschlechterung der Finanzierungskonditionen kommen. Eine schlechtere Bonitätseinstufung führt zu höheren Risikoaufschlägen und damit zu höheren Fremdkapitalzinsen (Jeske, 2009, 1410). Zudem rückt der gesunkene operative Gewinn die Ertragslage des Unternehmens in ein schlechteres Licht.“

Doch das ist nicht das einzige Risiko. Der Unterschied zwischen dem steuer- und handelsrechtlichen Zinssatz verringert zwischenzeitlich die Liquidität der Unternehmen. „Zwar kommt es trotz der Differenz im Zeitverlauf ohne Berücksichtigung von steuerrechtlichen Änderungen nominal zu einer identischen Steuerzahlung, sobald die Pensionsrückstellungen vollends aufgelöst sind, allerdings ist der Zeitpunkt der Besteuerung unterschiedlich. Es werden somit fiktive Unternehmensgewinne besteuert.“, heißt es in der Studie.

Je nach Branche fallen die hohen Rückstellungen aber unterschiedlich schwer aus. Im Energiesektor und im Bereich der technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Dienstleistungen sind die Rückstellungen sehr hoch. In der Industrie liegen diese mit rund 25.000 Euro pro Kopf im Mittelfeld. Am geringsten fallen sie im Verkehr aus.

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  1. Brigitte sagt:

    Möchte man erreichen, dass die Verzinsung von Pensionsrückstellungen sinken?

    Hmmm, ist es nicht so, dass aufgrund von Pensionsrückstellungen der Gewinn und damit die hierfür anfallenden Steuerzahlungen verringert werden?
    Durch die Pensionsrückstellungen wird in der Bilanz des Unternehmens auf der Passivseite ein Verbindlichkeitskonto nahmens Pensionsrückstellungen gebildet. Die jährlichen Pensionsrückstellungen werden dann nicht als Gewinn dem Eigenkapital hinzugebucht, sondern dem Konto Pensionsrückstellungen. Das betreffende Geld bleibt allerdings innerhalb des Unternehmens und es kann, sofern das Unternehmen möchte, damit investiert werden.
    Erst gestern las ich, dass Mexiko sich gegen den Ölpreisverfall abgesichert hat und dadurch hohe Gewinne verbuchen konnte. Haben deutsche Unternehmen in Bezug auf die fallenden Zinsen es versäumt sich abzusichern?