Deutschland droht Stromhandel mit Österreich zu begrenzen

Fehlende Netze und Energie-Engpässe führen zu Konflikten zwischen den Ländern. Zahlen müssen aber die Kunden.

Deutschland will den Stromhandel mit Österreich wegen Netzengpässen an der Grenze notfalls einschränken. Die Bundesnetzagentur wies die vier Übertragungsnetzbetreiber an, ein sogenanntes Engpass-Management vorzubereiten. Ab Juli 2018 soll dies dann greifen können. Deutsche Stromkunden müssen wegen der Engpässe laut Schätzungen Kosten von mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr tragen. In Österreich stieß der Vorstoß auf massive Kritik. Durch eine Trennung der seit 2002 bestehenden gemeinsamen Handelszone mit Deutschland befürchtet Österreichs Energie-Regulierer E-Control einen Anstieg der Strompreise in der Alpenrepublik.

Zwischen Deutschland und Österreich kann theoretisch unbeschränkt Strom gehandelt werden, obwohl wegen fehlender Netze etwa zehn Prozent des Strom-Handelsvolumens eigentlich nicht abgewickelt werden könnte. Dies ist historisch bedingt und eine Ausnahme im europäischen Stromhandel, der sich praktisch an allen Grenzen nach den Leitungskapazitäten richtet. Aufgrund der niedrigen Großhandelspreise – auch durch Förderung und Ausbau des Ökostroms – wird jedoch immer mehr Energie exportiert. Österreich ist auch deshalb ein großer Kunde, weil zu Zeiten besonders niedriger Preise die Wasserkraftwerksbetreiber wie Verbund kaufen und mit dem Strom das Wasser den Berg hinauf pumpen. In Zeiten höherer Preise wird das Wasser wieder abgelassen, Strom erzeugt und zurück nach Deutschland geliefert.

Wo Österreich mit niedrigen Stromtarifen profitiert, ist dies für die deutsche Seite häufig ein Ärgernis: Wenn der Strom wegen fehlender Netze nicht geliefert werden kann, muss Deutschland Reservekraftwerke in Österreich mieten, die dann die Kunden beliefern. Die Kosten tragen alle deutsche Stromkunden über die Netzumlage. Bezahlen müssen sie auch Kraftwerke auf der deutschen Seite, die eigentlich liefern wollten, aber wegen der Engpässe nicht können.

Die Bundesregierung will mit der angedrohten Begrenzung nun Druck aufbauen, um mit Österreich doch noch zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Sie reagiert damit auch auf Beschwerden aus Polen und Tschechien, da Strom häufig über diesen Umweg wegen der Netzengpässe nach Österreich fließt. So werden aber auch in Osteuropa die Leitungen teils überlastet.

„Deutschland, das die Probleme im europäischen Übertragungsnetz ursächlich ausgelöst hat, versucht so den selbst verursachten Schaden auf kleinere Länder abzuwälzen“, kritisierte der Chef des größten österreichischen Stromkonzerns Verbund, Wolfgang Anzengruber, den Vorstoß. Auch bei der der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control stößt das Vorhaben auf Widerstand. Der gemeinsame Strommarkt sei ein Musterbeispiel für eine gelungene Integration von Energiemärkten in der Europäischen Union. „Eine Aufteilung widerspricht ganz klar dem Ziel eines stärker integrierten EU-Energiebinnenmarktes“, sagte Behördenchef Wolfgang Urbantschitsch. Man werde daher alle rechtlichen Möglichkeiten gegen diese Entscheidung ergreifen. Zu prüfen seien auch wettbewerbsrechtliche Schritte. In weiteren Gesprächen mit Deutschland hoffe die Behörde aber eine Einigung zu erzielen.

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *