Siemens macht Milliarden-Deal mit US-Softwarekonzern

Siemens arbeitet an einem Image-Wechsel. Die Übernahme des Konzerns Mentor Graphics soll für das deutsche Unternehmen den Software-Bereich erschließen.

Siemens-Chef Joe Kaeser treibt mit einem milliardenschweren Zukauf den Umbau des Traditionskonzerns voran. Die Münchener kündigte am Montag an, den US-Softwarespezialisten Mentor Graphics für 4,5 Milliarden Dollar zu übernehmen. Die Anteilseigner sollen 37,25 Dollar je Aktie erhalten. „Wir stärken mit der Übernahme unseren Geschäftsbereich Digitale Fabrik in Richtung Industrie 4.0“, sagte Siemens-Finanzchef Ralf Thomas in einer Telefonkonferenz. Erst vor einer Woche hatte Kaeser angekündigt, die traditionsreiche Medizintechniksparte seines Hauses an die Börse zu bringen.

Kaeser baut seit einiger Zeit das Geschäft mit Industriesoftware massiv aus. In den vergangenen Jahren erwarb Siemens für insgesamt rund sechs Milliarden Dollar gut ein Dutzend Firmen, die auf Industrie- und Produktionssoftware spezialisiert sind, darunter die US-Unternehmen UGS und CD-adapco. Erst am Donnerstag hatte Kaeser angekündigt, sich an der Simulationsfirma Bentley zu beteiligen. Er will Siemens als einen der führenden Ausrüster für „Industrie 4.0“, die Digitalisierung der Industrie, positionieren. Mit dem Kauf von Mentor gibt Siemens nun fast soviel für den Aufbau des Industriesoftwaregeschäfts aus wie seinerzeit in den Einstieg in die Labordiagnostik. Der kostete annähernd elf Milliarden Euro und erwies sich langfristig eher als Enttäuschung.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015/16 setzte Siemens mit Software und digitalen Diensten rund 4,3 Milliarden Euro um. Die Gesamteinnahmen der Münchner beliefen sich auf knapp 80 Milliarden Euro. In Kaesers Entwicklungsplan bis 2020 spielt das Digitalisierungsgeschäft aber eine entscheidende Rolle. Der Markt dafür soll jährlich durchschnittlich acht Prozent wachsen, deutlich stärker als die Märkte für herkömmliche Automatisierungstechnik und Elektrifizierung und den zugehörigen Dienstleistungen. Von traditionellen Geschäftsfeldern wie der Telekommunikation, der Lichttechnik bei Osram oder elektronischen Bauteilen hat sich Siemens über die Jahre bereits verabschiedet.

Mentor auf Software für Chip-Konstruktion spezialisiert

Der Kauf von Mentor erscheint Experten allerdings in dem Zusammenhang etwas ungewöhnlich. Die in Wilsonville im US-Bundesstaat Oregon ansässige Mentor Graphics stellt vorwiegend Software für die Konstruktion von Halbleitern her, die Hälfte der Einnahmen stammt aus diesem Bereich. Aus der sehr speziellen Welt der Mikrochips war Siemens vor eineinhalb Jahrzehnten mit der Trennung von Infineon ausgestiegen und hatte sich von der Halbleiterbranche und ihren Schwankungen seither ferngehalten. Zu Mentors Kunden zählen just Infineon und andere klassische Chiphersteller, aber auch große Automobilbauer und -zulieferer, die mit der Software der Amerikaner etwa Kabelbäume in Fahrzeuge konstruieren oder Leuchten designen. Die größten Rivalen sind die US-Firmen Cadense und Synopsis. Siemens-Finanzchef Thomas betonte: „Wir steigen nicht wieder in das Geschäft mit Halbleitern ein.“ Es gehe um die Positionierung als Systemlieferant.

Mentor kam mit 5700 Mitarbeitern zuletzt auf einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Dollar und eine bereinigte Marge von 20,2 Prozent. „Siemens erwartet, dass diese attraktiven Margen auch in der Zukunft anhalten werden“, hieß es. Der Konzern kündigte an, in drei Jahren werde Mentor zum Gewinn beitragen. In vier Jahren ließen sich Synergien auf der Ebene des Betriebsgewinns von 100 Millionen Euro erzielen. Die zuletzt schwache Umsatzentwicklung habe mit der Konzentration in der Halbleiterbranche zu tun, die nun weitgehend vorüber sein dürfte, sagte Thomas.

Der umtriebige Mentor-Großaktionär Elliott unterstütze die Transaktion, teilte Siemens mit. Erst im September war der aktivistische Investor mit 8,1 Prozent bei Mentor eingestiegen und hatte erklärt, das Unternehmen sei deutlich unterbewertet. An der Börse war Mentor Graphics zuletzt rund 3,3 Milliarden Dollar wert. Siemens zahlt nun gut ein Fünftel mehr. Analysten sehen den Preis als nicht übermäßig teuer an. „Wir glauben, dass die Kombination mit dem bisherigen Softwaregeschäft bei Siemens das Unternehmen aus der System-Perspektive in eine starke Wettbewerbsstellung versetzt“, erklärte Günther Hollfelder von der Baader Bank.

Kommentare

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  1. Dirk sagt:

    Siemens und BMW sind noch an der Reihe bezüglich US-Tribut. u.a. Daimler und Telekom vor einigen Jahren. Dieses Jahr VW und Bayer….. Bevor sich die Machtgefüge ändern schnell noch mal Kasse machen.