Risiko-Partner Türkei senkt Stimmung deutscher Investoren

Wegen gestiegener politischer Unsicherheit sind die Handelsbeziehungen deutscher Unternehmen mit der Türkei rückläufig.

Anschläge, Kriegswirren im Nachbarland, Massenverhaftungen von angeblichen Putsch-Sympathisanten und Oppositionellen – in und um die Türkei regiert Unsicherheit. Das zieht die Wirtschaft des Landes, das noch vor wenigen Jahren als einer der vielversprechendsten Boom-Märkte weltweit galt, immer tiefer nach unten. Den Beleg dafür lieferte das Statistikamt des Landes Mitte Dezember: Erstmals seit dem Krisenjahr 2009 ging die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal 2016 zurück. Dabei fiel die Schrumpfung mit 1,8 Prozent noch deutlich höher aus als von Experten vorausgesagt. Inzwischen, versichert das Wirtschaftsministerium, gehe es aber wieder aufwärts.

Dennoch: Die Türkei gilt mittlerweile bei Wirtschaftsexperten und Investoren als Risiko-Partner. Auch die Touristen, für das Land eine unverzichtbare Einnahmequelle, reagieren: In den ersten elf Monaten 2016 kamen nach amtlichen Zahlen mit gut 24 Millionen Reisenden knapp ein Drittel weniger Ausländer ins Land als im Vorjahr. Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer. Nachdem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Kollege Wladimir Putin ihren Streit nach dem Abschuss einer russischen Militärmaschine im Grenzgebiet zu Syrien beigelegt hatten, schnellte das Interesse von Russen am Reiseziel Türkei wieder hoch. Das ist wichtig, waren die Russen doch vor nicht allzu langer Zeit mit rund viereinhalb Millionen Besuchern im Jahr die zweitgrößte Touristengruppe – hinter den Deutschen. Und bei denen zeichnet sich ebenso ein Minus ab: Reisten 2015 noch 5,6 Millionen Bundesbürger in die Türkei, waren es in den ersten elf Monaten 2016 nur 3,76 Millionen.

Investitionsagentur: Viele Risiken sind politisch

„Die größten Risiken für die türkische Wirtschaft sind derzeit politischer Natur“, urteilt aktuell die deutsche Investitionsagentur GTAI. Dazu zählt auch der Streit mit dem wichtigsten Handelspartner, den EU-Ländern, über den Umgang mit der Opposition und Rechtstaatsfragen. Zu den Schwächen zählt zudem eine wenig effiziente, schwerfällige Bürokratie sowie die hohe Importabhängigkeit der Industrie und Probleme auf den regionalen Exportmärkten. Die künftige Entwicklung der türkischen Wirtschaft bleibt damit unsicher. Auf gut drei Prozent, deutlich weniger als in den vergangenen Jahren, veranschlagen internationale Experten das Wachstum für 2017. Die türkische Regierung hofft, schon im kommenden Jahr wieder bei fünf Prozent Zuwachs zu landen.

Für Deutschland hängt einiges am Geschäft mit der Türkei. Immerhin rangiert das Land mit einem Handelsvolumen von zuletzt rund 37 Milliarden Euro unter den Top-20 bei den deutschen Ex- wie den Importen. Inzwischen herrscht Pessimismus in der deutschen Wirtschaft, die mit rund 6.500 Firmen in dem Land vertreten ist. „Die Erwartungen sind noch etwas schlechter als das aktuelle Geschäft ohnehin schon ist“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Es wird wirtschaftlich gesehen rumpeln in diesem Jahr.“ Der deutsche Export in das Land sei seit Mitte 2016 auf Abwärtskurs. Für 2017 erwartet er: „Es wird einen Rückgang geben bei den deutschen Exporten um mindestens fünf Prozent.“

Viele Projekte gestoppt

Zahlreiche deutsche Unternehmen vor Ort haben die Signale auf Halt gestellt. „Vieles ist auf Eis gelegt“, sagt Treier. Erweiterungsinvestitionen gebe es kaum noch. „Dabei ist die Türkei einer der zentralen Auslandsmärkte für den deutschen Mittelstand.“ Für die Türkei zählt Deutschland zu den Top-Adressen als Liefer- und Zielland für Waren.

Für die deutschen Investitionswerber der GTAI gilt aber im Grundsatz weiter: „Trotz der gegenwärtigen politischen Turbulenzen und vielfältigen Unsicherheiten bleibt die Türkei ein bedeutender Markt und Wirtschaftspartner für deutsche Unternehmen.“ Doch es brodelt. Die Stimmung bei Investoren und Konsumenten verschlechtert sich. Ein Investmentbanker klagte: „Es gibt dort viel staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft.“

Dass die Türkei ihr ehrgeiziges Ziel erreicht, bis 2023 zu den weltweit zehn größten Volkswirtschaften aufzusteigen, ist eher fraglich. Aktuell die größten Sorgen bereitet der Regierung der drastische Kursverfall der heimischen Währung Lira. Präsident Erdogan hat schon an seine Landsleute appelliert, Fremdwährungen zu verkaufen, um den Wertverfall stoppen.

Kommentare

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  1. Peter Jochen Heinemann sagt:

    Gehen Sie in die USA, schaffen Sie dort Jobs oder denken Sie an Osteuropa.
    Mir personlich ist die Türkei zu unsicher. Wenn man bedenkt, dass die den IS unterstützen, dass dort gefoltert, gemordet und verhaftet wird, dann muss man das einmal bedenken. Außerdem gefällt es mir und anderen aus meiner „Ebene“ nicht,
    dass hier offenbar spioniert wird. Wer weiß, was in diesen Moscheen läuft. Als Geschäftsmann kann ich es nicht verantworten, in einem Land zu investieren, dass gegen Christen und Juden hetzt und offenbar Morderbanden wie den IS unterstützt.
    Man hört einfach zu viel über dieses Land. Mein Haus bei Alanya habe ich schon lange
    verkauft – ich gehe nach Florida. Ja, ich weiß, weit und viel teurer. Aber einmal im Jahr…
    Nein, die Türkei ist für mich und viele andere nicht mehr interessant. Wir werden uns nach Osten und nach Westen orientieren, trotz Trump. Die USA sind durchaus interessant, ebenso die osteuropäischen Länder. Russland ist mir einfach zu groß.
    Die Türkei zu barbarisch. Also bleibt nur der Westen

    • HuWe sagt:

      Die USA unterstützt in Syrien auch den IS.
      Die Grenzen zwischen gut und böse waren nie so verschwommen wie heute.