US-Strafzölle wären ein schwerer Schlag gegen Volkswagen

Dem VW-Konzern droht Gefahr für das US-Geschäft: Die Produktion in Mexiko wäre von Straf-Zöllen massiv betroffen

Der erste ausländische Konzern, der von möglichen US-Strafzöllen betroffen ist, ist Toyota: Der designierte Präsident Donald Trump hat den Japanern bereits mit saftigen Zöllen gedroht, wenn das Unternehmen seinen Corolla nicht direkt in den USA produziert. Zuvor hatte Ford ein Werk in Mexiko gestoppt und sich für die Produktion in Michigan entscheiden.

Auch die deutschen Autobauer wären betroffen. Die von Trump ins Spiel gebrachten Zölle von 35 Prozent würden insbesondere den VW-Konzern vor immense Probleme stellen, sagte der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer den Deutschen Mittelstands Nachrichten.

„Stark von den Einfuhrzöllen betroffen wäre der VW-Konzern, welcher derzeit über jährliche Produktions-Kapazitäten von etwa 600.000 Autos in Mexiko verfügt. Ein Großteil davon wird in die Vereinigten Staaten exportiert. Volkswagen und seine Marken Audi und Porsche dürften unter diesen Umständen an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen“, sagte Dudenhöffer. Anders stellen sich die Aussichten für die deutschen Konkurrenten Mercedes und BMW dar – diese würden im Großen und Ganzen kaum unter Trumps Zollschranken leiden oder davon sogar profitieren, weil ihre Wettbewerber in Bedrängnis geraten und weil ihr derzeit stattfindender Aufbau von Produktionsbetrieben in Mexiko noch am Anfang stehe und notfalls reduziert werden könne.

„Schwierig könnte es für den VW-Konzern werden. Audi, Porsche, Bentley, Lamborghini produzieren überhaupt nicht in USA. Die Marke VW kommt auf knapp 75.000 produzierte Neuwagen in 2016 in den USA. Bei gut 582.000 verkauften Konzernfahrzeugen steht damit ein „Trump’sches“ Minus von 500.000 Autos in der Bilanz“, schreibt Dudenhöffer in einer Studie zum Thema.

Das Trump Sonderzölle gegen Automobilimporte aus Mexiko erheben wird, steht für Dudenhöffer außer Zweifel: „Trump wird das machen. Und es wird dazu führen, dass die USA einen Teil ihrer gegenwärtigen Arbeitslosigkeit in den ‚Rustbelt-Staaten‘ nach Mexiko zurücktransferieren.“ Die Kursänderung hin zu einer restriktiven Handelspolitik des designierten amerikanischen Präsidenten hat bereits ihre Wirkung gezeigt. Ford hat den Plan für ein neues Werk in Mexiko im Umfang von 1,6 Milliarden Dollar aufgegeben. Damit knickt der Autokonzern vor Trump und seinen Zollplänen gegen das benachbarte Niedriglohnland ein. Trump hat inzwischen angekündigt, dass „dies nur der Anfang“ sei.

Die deutschen Autobauer, die derzeit Milliarden in neue Werke in Mexiko stecken, werden nach Einschätzung von Analysten deshalb Baukräne und Bänder zwar nicht stoppen, doch neue Projekte könnten aufgeschoben oder sogar gestrichen werden. „Das wird Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen haben“, sagt etwa Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler. Trumps Ankündigungen, das Freihandelsabkommen mit Mexiko neu zu verhandeln, sei nicht nur Wahlkampf-Rhetorik gewesen. „Es steckt politischer Wille dahinter, die Freihandelszone NAFTA steht zur Disposition“, erklärte Pieper. „Produziert in den USA oder zahlt eine hohe Steuer an der Grenze“, drohte Trump dem größten US-Autobauer General Motors. Künftig könnten auf Einfuhren aus Mexiko bis zu 35 Prozent Zoll fällig werden. Der Kostenvorteil der Produktion mit Lohnkosten, die nur etwa ein Sechstel derjenigen in den USA ausmachen, würde schwinden.

Ford habe seinen Plan kippen können, weil das Werk noch in der Planungsphase gewesen sei, erklärte Gerhard Wolf, Autoanalyst von der Landesbank Baden-Württemberg. „Die deutschen Hersteller sind schon in der Bauphase – das ist schwieriger zu stoppen.“ Sie könnten jedoch die geplanten Kapazitäten stutzen. Frank Schwope, Autoexperte von der NordLB, nannte den Fall Ford ein Signal. „Alle Autobauer werden künftig vorsichtiger agieren, um nicht auf Überkapazitäten sitzen zu bleiben.“

Die VW-Tochter Audi hat im Herbst 2016 ihr Werk in San Jose Chiapa eröffnet und fährt derzeit die Produktion hoch. Ende 2016 kam eine zweite Schicht hinzu, die dritte soll im Laufe des Jahres 2017 folgen. Bis zu 150.000 Fahrzeuge können in dem Werk gebaut werden. Audi fertigt dort den Geländewagen Q5 – für die USA und den Weltmarkt. Die Ingolstädter investierten mehr als eine Milliarde Euro in den Standort im Bundesstaat Puebla, wo die Konzernmutter VW schon seit Jahrzehnten produziert. Im Audi-Werk sollen insgesamt 4200 Arbeitsplätze entstehen. „Wir beobachten die Lage genau“, sagte ein Sprecher zu Reuters mit Blick auf Trumps Zollpläne.

VW selbst betreibt in Puebla seit mehr als 50 Jahren eines seiner größten Werke mit zuletzt annähernd 15.000 Beschäftigten. Diese Fokussierung auf den amerikanischen Markt könnte vor dem Hintergrund der Änderungen in der US-Handelspolitik zu Problemen führen. Denn der Großteil der dort vom Band laufenden Autos wie der Jetta oder der Käfer-Nachfolger Beetle wird in die USA geliefert. Nun kommt der kompakte SUV Tiguan hinzu, der in der verlängerten Version mit sieben Sitzen unter dem Namen Allspace auf den US-Markt gebracht werden soll. Von dem Modell sowie von dem in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee produzierten Groß-SUV Atlas erhofft sich VW nach dem Abgasskandal in Nordamerika einen Neuanfang.

Daimler zieht gerade zusammen mit seinem französisch-japanischen Partner Renault/Nissan ein PKW-Werk in Aguascalientes hoch, in dem Kompaktmodelle vom Band rollen sollen. Die Produktion von Fahrzeugen der Nissan-Nobelmarke Infiniti soll im November 2017 anlaufen, Mercedes-Benz startet im Frühjahr 2018. Die in der Nähe eines bereits bestehenden Nissan-Werks gelegene Fabrik soll eine Jahreskapazität von 230.000 Fahrzeugen haben und im Jahr 2020 rund 3.600 Mitarbeiter beschäftigen.

Den größten Spielraum, Investitionen notfalls zu kappen, hat BMW. Der Bau des ersten großen Standorts in San Luis Potosi, wo sich auch Ford niederlassen wollte, hatte erst Mitte 2016 begonnen. In die Fabrik mit Karosseriebau, Lackiererei und Montage investiert BMW rund eine Milliarde US-Dollar. Ab 2019 soll dort der absatzstarke 3er für den Weltmarkt gebaut werden. Die jährliche Produktionskapazität des Werkes liegt bei 150.000 Stück. Es sollen mindestens 1.500 neue Arbeitsplätze entstehen. „Uns bleibt also noch Zeit, um uns auf mögliche Entwicklungen einzustellen“, sagte BMW-Chef Harald Krüger kürzlich in einem Interview. Die Münchner hoffen, Trump mit ihrer starken Präsenz in den USA zu besänftigen. So sagte Krüger weiter, die US-Regierung werde das Bekenntnis des Konzerns zum Standort USA anerkennen. „Was mir Vertrauen gibt, ist allein schon die Tatsache, dass wir in Spartanburg im US-Staat South Carolina unser weltweit größtes Werk betreiben.“

Nicht nur in den Vereinigten Staaten, auch in China oder Südamerika gebe es Tendenzen zu Protektionismus, sagte LBBW-Analyst Wolf. Zölle und andere Handelsschranken seien deshalb ein Faktor, der zusätzlich zu Produktionskosten und Absatzchancen einkalkuliert werden müsse. Der Zwang zur Lokalisierung, also der Produktion vor Ort für den jeweiligen Markt, werde wachsen. „Für mich ist die Botschaft: Investitionsentscheidungen werden komplexer – die Autobauer müssen lernen, noch flexibler mit den Standorten umzugehen.“

Mexiko ist der siebtgrößte Autoproduzent der Welt. Ein Drittel der US-Autoimporte stammt aus dem Nachbarland. Außer der Nähe zum riesigen US-Markt locken zahlreiche Freihandelsabkommen mit anderen Ländern und niedrige Lohnkosten. Hersteller und Zulieferer haben viel Geld in Werke in dem mittelamerikanischen Land investiert, viele weitere Milliardenprojekte sind geplant.

Die Unsicherheit bezüglich der Ausrichtung der künftigen US-amerikanischen Handelspolitik wirkt sich inzwischen auch auf die Devisenmärkte aus. Der Kurs des mexikanischen Pesos zum Dollar sinkt seit Tagen. Am Donnerstag kostete ein Dollar mehr als 21,50 Peso. Vor einem Jahr lag der Kurs noch bei 17 Peso, vor drei Jahren noch bei etwa 13 Peso. In Mexiko wachsen die Sorgen vor einer Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfeldes. Einem vom Finanzblog Zerohedge zitierten Analysten zufolge zeige das Zurückweichen von Ford „wie viel Einfluss Trump bei vielen Unternehmen tatsächlich hat – dies ist offenbar weitaus größer, als die mexikanischen Eliten bislang wahrhaben wollten.“ „Fords Entscheidung ist ein Vorzeichen, was die beiden Volkswirtschaften erwarten wird. Für unsere Wirtschaft bedeutet dies einen großen Rückgang der Investitionen aus den USA und für die Vereinigten Staaten eine merkliche Steigerung der Produktionskosten“, schreibt die mexikanische Tageszeitung La Jornada.

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