Internationale Geldgeber investieren in deutsche Biotechs

Deutschland wird als Standort für die Biotech-Branche wieder attraktiv. Die Beschäftigungszahlen zeigen den Bedarf auf.

Die in den vergangenen Jahren nur schwer auf die Füße kommende Biotech-Branche in Deutschland hat sich 2016 positiv entwickelt: Die Zahl der Unternehmen und der Beschäftigten stieg an, die Kennzahlen entwickelten sich erfreulich und internationale Investoren interessierten sich nach Jahren der Zurückhaltung wieder für den Biotech-Standort Deutschland.

Insbesondere der Mitarbeiterzuwachs um 14 Prozent auf knapp 25.000 Beschäftigte zeigt die positive Stimmung innerhalb der Branche. Im Vorjahr stagnierte die Zahl der Mitarbeiter noch. Auch die Zahl der Unternehmen legte zu – um fünf Prozent auf 623 Betriebe.

Die Finanzierung von Innovation – in den vergangenen Jahren eine Problemzone der deutschen Biotech-Branche – scheint inzwischen auf solideren Füßen zu stehen: Risikokapitalgeber investierten 213 Millionen Euro in die Branche. Das war zwar etwas weniger als die 236 Millionen Euro im Vorjahr, dafür verteilte sich die Summe auf mehr Unternehmen. 2015 entfielen allein 167 Millionen Euro auf ein einziges Unternehmen – CureVac.

Insgesamt konnten sich die deutschen Biotechs 459 Millionen Euro aus Börsengängen, Kapitalerhöhungen und Risikokapital sichern. Im Erfassungszeitraum seit 2009 war der Kapitalzugang nur 2015 mit dem CureVac-Ausnahmedeal besser.

Unter dem Strich kam die Gesamtindustrie 2016 auf einen Umsatz von 3,6 Milliarden Euro. Das entsprach einem Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen um sieben Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Allerdings war das Wachstum im Vorjahr noch dynamischer: Die Umsätze stiegen 2015 um 12 Prozent und die F&E-Ausgaben um elf Prozent.

Das sind Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2017 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY in Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland und dem Arbeitskreis der Deutschen BioRegionen.

Der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Dr. Siegfried Bialojan, sieht in der Entwicklung „Zeichen eines nachhaltigen Aufschwungs. Die positiven Unternehmenskennzahlen stehen auf einer breiten Basis und werden sowohl von privaten als auch von börsennotierten Unternehmen getragen. Auch die Mitarbeiterzahlen steigen wieder. Kostendruck und Kapitalknappheit hatten in den vergangenen Jahren für Zurückhaltung bei den Unternehmen gesorgt. Dennoch wird das Umsatzplus derzeit nur halbherzig in den Ausbau der Forschung und Entwicklung investiert. In der Zukunft können hoffentlich mehr forschungsintensive Start-ups dieses Bild drehen.“

Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland e. V. sagt: „Die Branchenkennzahlen sind im Wesentlichen recht positiv und ermutigend. Ein genauer Blick auf die Investitionen in Forschung und Entwicklung zeigt jedoch, dass das Gros der Unternehmen, nämlich die privaten, sich hier zurückhalten. Dies liegt auch daran, dass Kapital für Investitionen in Innovationen nach wie vor nur im begrenzten Umfang zur Verfügung steht. Bei den Rahmenbedingungen für Innovationsfinanzierung besteht also unmittelbarer Nachbesserungsbedarf.“

Kaum Neugründungen – dafür aber auch wenige Insolvenzen

Wermutstropfen: Der Firmenzuwachs insgesamt lag weniger an einer hohen Dynamik bei Firmenneugründungen. Mit 15 erfassten Neugründungen lag die Zahl eher auf Höhe der Vorjahre. Dafür schieden nur sechs Unternehmen aus dem Markt aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 gab es noch 17 Insolvenzen beziehungsweise Auflösungen. „Die Zahl der Neugründungen hat sich leider nicht signifikant gesteigert. Angesichts der zahlreichen Start-up-Initiativen ist das sehr ernüchternd. Offenbar hat die schwierige Finanzierungssituation der vergangenen Jahre zu Zurückhaltung bei jungen Entrepreneuren in der Branche geführt. Angesichts der positiven Kennzahlen der vergangenen beiden Jahre könnte sich mit etwas Zeitverzögerung auch die Gründungsaktivität in naher Zukunft verbessern“, sagt Bialojan.

Dafür spricht, dass im Gegensatz zu den Vorjahren 2016 auch internationale Investoren deutsche Biotechs für sich entdeckten. Von den 213 Millionen Euro an Risikokapital entfielen 74 Prozent auf klassische Venture Capital Fonds. In den vergangenen Jahren hatten hingegen Einzelinvestitionen von Family Offices das Bild bestimmt. 2016 kamen internationale Investoren wie MPM Capital aus den USA hinzu, die in München ein Büro eröffneten und gleich bei der 40-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde des Start-ups iOmx Therapeutics einstiegen. Erstmals investierten auch zwei Fonds aus China in deutsche Biotechs.

Risikokapital verteilt sich auf mehr Unternehmen

Erfreulich für die Branche: Das Risikokapital verteilt sich auf deutlich mehr Start-ups. Flossen noch 2015 mehr als 80 Prozent des Kapitals in 15 Prozent der Finanzierungsrunden, verteilten sich 2016 bereits 87 Prozent auf knapp die Hälfte (47 Prozent) aller Runden.

„Internationale Investoren engagieren sich wieder mehr in Deutschland. Für die Start-ups ist besonders ermutigend, dass es nicht bei Einzelereignissen bleib: Die Streuung des Risikokapitals verbreitert sich“, beobachtet Bialojan.

Erster Biotech-IPO in Frankfurt seit 2006

An der Börse tat sich insgesamt wenig. Der einzige Börsengang eines deutschen Biotech-Unternehmens – der BRAIN AG – war aber immerhin insofern besonders, als es der erste Biotech-IPO in Frankfurt seit 2006 war. Daneben ging auch NOXXON durch ein stilles Listing an der Euronext an die Börse.

Den bereits an der Börse gelisteten Unternehmen gelang es bis auf wenige Ausnahmen nicht, nennenswerte Kapitalerhöhungen zu verbuchen. Zwar lag das Niveau der Kapitalerhöhungen mit 214 Millionen Euro exakt auf Vorjahresniveau. Doch entfielen allein 115 Millionen Euro auf MorphoSys. Die verbliebenen 99 Millionen Euro liegen eher auf dem niedrigen Niveau der Jahre davor.

„Die innovationsgetriebene Biotech-Branche ist auf eine verlässliche Finanzierung angewiesen. 2016 gab es dafür bereits positive Signale, die sich hoffentlich in den kommenden Jahren verstetigen werden. Für den Standort Deutschland stellt sich daher die Frage, wie der Innovationsprozess auf eine breitere Basis gestellt werden kann. Dazu gehört zum einen, Best-Practice-Beispiele auch international hervorzuheben und die Leistungsfähigkeit des Standortes zu zeigen. Zum anderen gehören dazu aber auch innovationsfreundliche politische Rahmenbedingungen. Dass Biotechnologie zum Thema des Innovationsdialogs der Bundesregierung wurde, macht Hoffnung, dass ihre Bedeutung auch in der Politik angekommen ist“, sagt Bialojan abschließend.

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