Schweizer Uhrenhersteller kämpfen mit wachsendem Graumarkt

Die Umsätze der Schweizer Uhrenhersteller gehen zurück. Einige sind gezwungen, auf dem Graumarkt aktiv zu werden.

Immer mehr Kunden sind es leid, zu viel für einen prestigeträchtigen Zeitmesser am Handgelenk zu bezahlen, und decken sich auf dem Graumarkt ein. Während Uhrenliebhaber ein Schnäppchen machen können, bietet der Graumarkt für Händler eine gute Gelegenheit, überschüssige Ware loszuwerden. Die erfolgsverwöhnte Uhrenindustrie stellt dies vor ein wachsendes Problem. Uhrenmanager Jean-Claude Biver bezeichnet den Graumarkt sogar als „Krebsgeschwür der Industrie“. Doch hinter den Kulissen arbeiten immer mehr Hersteller mit den Händlern zusammen.

Die Firmen sind in der Zwickmühle. Seit bald zwei Jahren sinkt der Absatz, weil das Geschäft mit Touristen vom chinesischen Festland in Hong Kong und Europa schwächelt. Dies hat zu hohen Lagerbeständen geführt, denn die Hersteller können nur mit einer gewissen Verzögerung auf eine schleppende Nachfrage reagieren. Mechanische Uhren werden in einem langwierigen Prozess aus oftmals hunderten von Teilen zusammengesetzt, sodass die Produktionspläne in der Regel zwei Jahre im Voraus gemacht werden.

Aber selbst bei einer Flaute untersagen die Hersteller den offiziellen Händlern an den teuren Einkaufsstraßen, die Preise zu stark zu senken. Sie fürchten, dass hohe Rabatte dem sorgsam gepflegten Markenimage Schaden zufügen könnten. Biver, Chef der Uhrensparte des weltgrößten Luxusgüterherstellers LVMH, sagte, der Graumarkt sei für Luxusgüter besonders schädlich, weil die zu niedrigen Preise die Aura von Prestige zerstörten, die das Produkt für den Kunden überhaupt erst begehrenswert machten. „Das bedeutet den langsamen Tod von Luxusgütern.“

Für Händler ist der Graumarkt, auf dem Original-Uhren legal an den Mann gebracht werden, jedoch ein wichtiger Vertriebsweg. Vor allem im Fernen Osten, aber auch in den USA sitzen viele Händler auf unverkaufter Ware, deren Wert schnell in die zehntausende Franken gehen kann. „Viele Einzelhändler haben eine Marge von 45 Prozent und wenn ein Laden Geld braucht, kann man Preisnachlässe in dieser Größenordnung beobachten“, sagte Jean-Christophe Babin, Chef des zu LVMH gehörenden Luxuslabels Bulgari. Viele Hersteller haben allerdings im Stillen begonnen, mit den Händlern zusammenzuarbeiten – auch um sich einen gewissen Einfluss auf diesen parallelen Vertriebskanal zu sichern, wie mehrere Industrieexperten sagen. „Es gibt viele Quellen für Graumarkt-Uhren“, erklärt ein Manager. „Offizielle Einzelhändler, die schlecht laufende Modelle loswerden wollen, Vertriebsgesellschaften in einzelnen Ländern und manchmal auch die Marken selbst.“ Auf mehrheitlich in den USA angesiedelten Online-Plattformen wie Jomashop.com oder Prestigetime.com finden Interessenten edle Uhren von Audemars Piguet bis Zenith zu Preisen, die in der Regel 20 bis 30, in extremen Fällen auch bis zu 70 Prozent unter den regulären Preisen liegen können.

Offizielle Statistiken über den Graumarkt gibt es zwar nicht. Aber seine Bedeutung hat Insidern zufolge in den vergangenen Jahren zugenommen. Wichtige Absatzmärkte seien neben Hong Kong und Japan zunehmend auch die USA, da der starke Dollar es Graumarkthändlern leichtmache, die Uhren in Europa günstiger einzukaufen. Aber auch deutsche Firmen wie Chrono24.com oder die Internet-Händler Amazon oder Ebay sind groß im Geschäft. Ein schlechtes Gewissen plagt die Graumarkthändler dabei nicht. „Bei jedem Zeitmesser, den wir verkaufen, streicht der Hersteller den Löwenanteil am Gewinn ein“, sagt Darryl Randall, Besitzer der amerikanischen SwissLuxury.com, die in guten Jahren auf einen Umsatz von rund zehn Millionen Dollar kommt.

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