Vergangenheit bietet Bauweise der Zukunft

Die Wiederentdeckung des Gewölbebaus bietet neue Möglichkeiten, alteingesessene Verfahren im Hausbau zu optimieren.

Häuser und ihre Bauweisen werden immer moderner, vernetzter, technischer – und damit auch nahezu unerschwinglich. Ein Großteil der Menschheit, wie z.B. in Westafrika, kämpft mit der bloßen Existenz eines Dachs über dem Kopf. Die meisten Häuser bestehen aus Stroh und Buschholz. Doch durch die massive Abholzung und das Bevölkerungswachstum sind die Menschen gezwungen, auf Alternativen zurückzugreifen: Wellblech. Dieses Material muss jedoch aus Europa importiert werden und ist somit teuer, berichtet das Portal FastCompany. Zudem beträgt die Lebensdauer der dünnen Metallplatten nur wenige Jahre.

Die Organisation Nubian Vault Association (AVN) hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, die natürlichen Ressourcen mit der Geschichte des Landes zu vereinen. Das Ergebnis ist die Renaissance einer scheinbar vergessenen Bauweise: der nubische Gewölbebau. Bereits die alten Ägypter nutzten diese Technik, bei der man Stabilität nicht durch einen hölzernen Rahmen erreicht, sondern durch das Eigengewicht von Lehmziegeln, die auf einem Stein-Fundament kuppelartig angeordnet das Haus stützen. Die Technik wurde erst 1940 durch den ägyptischen Architekt Hassan Fathy wiederentdeckt und bietet eine echte Alternative zu den teuren europäischen Importen.

Bereits seit dem Jahr 2000 unterrichtet die AVN mit diesem Programm Einheimische. Begründer ist der Franzose Thomas Granier, der das erste derartige Gebäude in Burkina Faso errichtete.

Weil die Gebäude vollständig aus lokalen Ressourcen (Erde, Stein, Wasser) bestehen, sind sie nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch günstig im direkten Vergleich: Jedes Gebäude kostet etwa 500 US-Dollar und ist damit 30 Prozent günstiger als die Alternative aus Wellblech – die Erneuerung des Metalls ist dabei nicht mit eingerechnet. Denn im Gegensatz zu den anfälligen Importen ist der Erhalt der Häuser relativ einfach. Lehm steht zwar nicht unbegrenzt zur Verfügung, bleibt jedoch längerfristig verfügbar und vor allem erschwinglich – dies in einer Region, in der der Tageslohn bei etwa 2 US-Dollar liegt.

Mit dem Programm „A Roof, a Skill, a Market“ wurden bereits 400 Maurer und 440 Lehrlinge ausgebildet, 2000 Häuser errichtet und 24.000 Menschen in Burkina Faso, Mali, dem Senegal, Benin und Ghana Obdach gewährt. Cécilia Rinaudo, stellvertretende Leiterin von AVN, ist überzeugt, dass die Organisation bis 2050 etwa 20 Millionen Menschen in Westafrika auf diese Weise ein Dach über dem Kopf schenken kann.

Um weitere Neuerungen zu entdecken, muss man jedoch nicht ganz so weit zurückblicken. Bereits der gotische Baustil mit seinen riesigen Kathedralen bietet Möglichkeiten für den heute angestrebten Leichtbau. Wissenschaftler der Abteilung für Architektur der ETH Zürich haben es geschafft, Beton so zu strukturieren, dass er keinerlei Stahlverstärkung mehr benötigt und so bis zu 70 Prozent leichter ist, so Philippe Block, außerordentlicher Professor für Architektur und Struktur. Zudem sei dieser Ansatz verträglicher für die Umwelt, da erheblich an CO2 eingespart werden kann, das bei der Herstellung von Beton entsteht.

Das Geheimnis ist auch hier die Wölbung der Platten, statt sie flach zu konstruieren. „Wir haben uns beim Design an historischen Bauprinzipien und -techniken orientiert, die in Vergessenheit geraten sind“, sagt Block. Zusätzliche Stabilität bieten dabei Streben, die wie Rippen angeordnet sind. Mit einer eigens entwickelten Software berechneten die Forscher, wie diese Rippen angeordnet werden müssten, um alle eventuell auftretenden Druckkräfte abfangen zu können. Das Ergebnis zeigt sich einer fein gearbeiteten Struktur, die erste Belastungstests bis zu einem Gewicht von 4,2 Tonnen absolvieren konnte. Zum Vergleich: Die Baunormen in der Schweiz verlangen weniger als die Hälfte.

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