Elektroindustrie mit hoher Dynamik bei Wachstum

Die höchste Dynamik dürfte die Elektroindustrie aufweisen, während der Fahrzeugbau nur durchschnittlich expandiert.

Die deutsche Industrie erlebt einen moderaten Aufschwung. Seit Mitte 2016 sind die realen Auftragseingänge im Vorjahresvergleich wieder deutlicher im Plus. Im ersten Quartal lagen sie immer-hin um 2,3 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Der Rückgang im Vorquartalsvergleich von 1 Prozent sollte nicht überbewertet werden, da er vor allem ausgebliebenen Großaufträgen geschuldet ist. Das sehr positive Geschäftsklima im Verarbeitenden Gewerbe lässt darauf schließen, dass sich die günstige Entwicklung fortsetzt. Der Einkaufsmanagerindex erreichte im März 2017 mit 58,3 Punkten den höchsten Wert seit Frühjahr 2011. Im April ist er nur minimal zurückgegangen. Allerdings fällt auf, dass die Produktion die Zuwächse des Jahres 2011 bei weitem nicht er-reicht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass 2011 noch vom Aufholprozess nach der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise geprägt war, besteht doch eine gewisse Diskrepanz zwischen der Stimmung und der tatsächlichen Entwicklung. Die Kapazitätsauslastung ist zuletzt weiter auf saisonbereinigt knapp 86 Prozent angestiegen.

Ein Grund für die bislang eher mäßige Entwicklung dürfte in der zurzeit massiven politischen Verunsicherung zu suchen sein. So führt der Brexit zu Unklarheiten bezüglich der weiteren Entwicklung des Handels zwischen der EU und Großbritannien. Zudem ist das britische Pfund gegenüber dem Euro deutlich günstiger geworden. Die stark protektionistischen Töne von der neuen US-Administration stellen geplante Standortentscheidungen für Investitionen teilweise in Frage. Immerhin sind durch die Wahlentscheidungen in Frankreich mittlerweile klarere Rahmenbedingungen gesetzt worden. Allerdings ist das Erstarken populistischer Strömungen in wichtigen EU-Ländern bei Wahlen beispielsweise in Italien nicht auszuschließen. Insgesamt wird die Investitionsneigung hierdurch gebremst. Gerade die deutsche Industrie, die auf Kapitalgüter spezialisiert ist, spürt dies deutlich. Immerhin dürfte die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes 2017 mit 1,5 Prozent stärker zulegen als im vergangenen Jahr (1,2 Prozent).

Die deutsche Industrie wird von der Automobilindustrie dominiert, deren Anteil in den vergangenen Jahren sogar weiter auf mittlerweile knapp ein Viertel des Umsatzes des Verarbeitenden Gewerbes gestiegen ist. Die Bedeutung dieser Branche nimmt noch zu, wenn man die Zulieferungen mitbetrachtet, die hier nicht erfasst werden. Beispiele sind Reifen, Kunststoffteile oder elektronische Komponenten. Diese starke Spezialisierung der deutschen Wirtschaft ermöglicht einerseits im Verbund mit den hier ansässigen Zulieferern Synergieeffekte u.a. im Forschungs- und Entwicklungsprozess.

Auch sind die entsprechenden Fachkräfte für diesen Cluster vorhanden. Andererseits ist die deutsche Wirtschaftsentwicklung stark von der Automobilindustrie abhängig – ein Nachteil, sollte die Branche im jetzt anstehenden Strukturwandel durch neue Antriebstechnologien an Bedeutung verlieren. Vergleicht man die deutschen Branchen nach Beschäftigung, liegt der Maschinenbau mit über 1 Million Mitarbeitern noch vor der Automobilindustrie.

Chemieindustrie mit klarer konjunktureller Besserung

Am deutlichsten ist die konjunkturelle Besserung bei der Chemieindustrie, deren Aufträge zuletzt stark zugenommen haben. So liegen die realen Auftragseingänge ohne Pharma im ersten Quartal 2017 um 7,2 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert. Die Chemieproduktion hat hierauf noch nicht reagiert. Nach Jahren mit einer tendenziellen Seitwärtsbewegung kündigt sich damit erstmals wieder ein kräftiger Aufschwung an, der seine Begründung u.a. im Lagerzyklus hat. Steigende Erzeugerpreise führen bei Verbrauchern chemischer Vorprodukte zu Bestandsaufstockungen bei noch günstigen Preisen. 2017 dürften die Verkaufspreise um mindestens 2 Prozent zulegen.

In den letzten Jahren hat sich die Pharmaindustrie deutlich lebhafter entwickelt als die restliche Chemieindustrie. Diese Tendenz setzt sich in diesem Jahr fort. Während die Chemieproduktion ohne Pharma im ersten Quartal noch um 1,6 Prozent unter Vorjahresniveau liegt, hat die Erzeugung von Medikamenten und der dazu notwendigen Grundstoffe um 6,5 Prozent zugelegt. Überdurchschnittlich entwickelt sich weiterhin die Herstellung von sonstigen chemischen Erzeugnissen. Hier sind Fein- und Spezialchemikalien erfasst, die in mannigfaltigen Bereichen benötigt werden. Dies sind neben Klebstoffen und ätherischen Ölen beispielsweise Hydraulikflüssigkeiten oder Laborreagenzien.

Das Geschäftsklima der Branche hat sich in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Dies gilt insbesondere für die Einschätzung der aktuellen Lage, aber auch die Erwartungen sind optimistisch. Grund dürfte neben dem positiveren Lagerzyklus auch die erfreuliche Entwicklung des privaten Verbrauchs und die günstige Konjunktur bei den wichtigsten inländischen Absatzbranchen wie der Gummi- und Kunststoffverarbeitung, der Bauindustrie sowie dem Fahrzeugbau sein. Zudem sind die Exporte zuletzt deutlicher gestiegen. Die Nettoproduktion dürfte 2017 bei chemischen Erzeugnissen um 1,5 Prozent und pharmazeutischen Produkten um 2 Prozent zulegen. Für die Gesamtbranche ergäbe sich damit ein Zuwachs von 1,7 Prozent.

Zögerlicher Aufschwung im Maschinenbau

Der deutsche Maschinenbau ist das Paradebeispiel einer exportorientierten Investitionsgüterbranche. Immerhin darf er sich mit einem Weltmarktanteil von knapp 17 Prozent vor China und den USA als Exportweltmeister bezeichnen. Gemessen am Umsatz liegt die Branche hinter China und den USA auf Platz 3. Der Maschinenbau spürt stärker als viele andere die massiven politischen Verunsicherungen, da sie die globale Investitionsneigung bremsen. Auch durch die protektionistischen Tendenzen der neuen US-Administration dürften Investitionsentscheidungen zumindest aufgeschoben werden. Zölle oder steuerpolitische Änderungen beeinflussen nicht nur die Rentabilität, sondern auch die Standortentscheidungen bei Investitionen. Bisherige Lieferketten könnten zudem gefährdet werden. Auch das schwache Pfund und die Brexit-Verhandlungen sind für die Branche problematisch, da Großbritannien immerhin die viertwichtigste Exportdestination für deutsche Maschinen ist – nach den USA, China und Frankreich. 2016 waren die Auftragseingänge sogar leicht zurückgegangen. Der Jahresbeginn 2017 war erfreulich. Im ersten Quartal liegen die Bestellungen knapp 2 Prozent über Vorjahresniveau. Die Produktion der Branche ist um 0,7 Prozent gestiegen.

Positiv hat sich die Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie entwickelt. Dies lässt erwarten, dass Erweiterungen in diesem Sektor wieder dringlicher werden. Zudem dürften die Erzeugerpreise weiter ansteigen und sich die Ertragslage der Unternehmen verbessern. Dies dürfte zu mehr Ausrüstungsinvestitionen führen, von denen auch der Maschinenbau profitiert. Die Unternehmen der Branche sind in den vergangenen Monaten deutlich optimistischer geworden.

Der Außenhandel hat sich 2016 wenig erfreulich entwickelt. Während die Maschinenexporte in realer Rechnung leicht gesunken sind, stiegen die Importe. Dies lag u.a. an der schwachen Entwicklung in den wichtigen Destinationen USA und China. Die US-Industrie litt unter dem starken Dollar und den Schwierigkeiten im Energiesektor. In China dürfte die Zurückhaltung bei privaten Investitionen zu dem Rückgang deutscher Exporte beigetragen haben. Deutliche Minuszahlen musste der Maschinenbau erneut bei den Ausfuhren in Russland hinnehmen. Allerdings keimen mittlerweile auch im Auslandsgeschäft erste Hoffnungen. So haben die Maschinenausfuhren im ersten Quartal 2017 mit einem realen Plus von über 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr an Dynamik gewonnen. Die Investitionstätigkeit in der Eurozone erholt sich. Nicht nur Spanien weist hohe Zuwächse bei den Ausrüstungen auf. Auch das für den deutschen Maschinenbau wichtige Italien investierte in den letzten Quartalen deutlich mehr. Die Rezession in Russland läuft allmählich aus. In diesem Jahr dürfte erstmals wieder ein positives Wirtschaftswachstum erreicht werden. Dies sollte sich beispielsweise im Bereich der Landtechnik in steigenden Umsätzen niederschlagen, zumal der Rubel wieder an Stärke gewonnen hat.

Der Maschinenbau dürfte 2017 ein Produktionswachstum von 2 Prozent erreichen. Der moderate Aufschwung wird sich in der Entwicklung vieler Sparten niederschlagen. Nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) dürften 2017 die allermeisten Fachzweige eine positive Umsatzentwicklung aufweisen. Lebhaft verläuft die Entwicklung u.a. in der „Elektrischen Automation“, bei Bau- und Baustoff- sowie bei Nahrungsmittelmaschinen. Gießerei-, Textil-sowie Bergbaumaschinen dürften nach zum Teil deutlichen Rückgängen erstmals wieder Plusraten aufweisen.

Elektrotechnik: Digitalisierung hilft

Vor dem Hintergrund einer gedämpften weltwirtschaftlichen Entwicklung und der Häufung globaler Risiken war die Konjunktur in der deutschen Elektroindustrie 2016 nur leicht aufwärtsgerichtet. In der amtlichen Abgrenzung, die die stark defizitäre Zulieferung für Schienenfahrzeuge nicht mitberücksichtigt, stieg die Produktion um fast 2 Prozent. Der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) kommt nur auf die Hälfte. Überdurchschnittlich entwickelten sich die Umsätze in den Bereichen Elektromedizin, Automation und elektronische Bauelemente. Rückgänge mussten in der Fahrzeugelektronik, in der Informations- und Kommunikationstechnik sowie bei Kabeln und Drähten hingenommen werden.

2017 dürfte die Dynamik der Elektroindustrie zunehmen. Bislang wurde das Wachstum im Wesentlichen von der Datenverarbeitung sowie den elektronischen und optischen Geräten (WZ 26) getragen. Das Geschäftsklima hat sich jedoch gerade in der klassischen Elektrotechnik, der Herstellung elektrischer Ausrüstungen (WZ 27), deutlich verbessert. Die Ausfuhren sind zuletzt in beiden Bereichen deutlich gestiegen. Damit ist die Branche in diesem Jahr breiter aufgestellt. 2017 dürfte ein Produktionszuwachs von 3 Prozent möglich sein.

Die Branche steht vor einer dynamischen Zukunft. Für den Megatrend Digitalisierung liefert sie Technologien und Systemlösungen. Zu dieser Transformation der Wirtschaft gehören nicht nur „Industrie 4.0“, sondern auch „Robotik und Automation“, künstliche Intelligenz und 3D-Druck. Im Fahrzeugbau wird autonomes Fahren wichtiger. Die Branche ist hier gut aufgestellt. Immerhin investierte sie nach Berechnungen des ZVEI 2016 mit geschätzt gut 17 Milliarden Euro fast 10 Prozent ihres Branchenumsatzes von 179 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung.

Automobilindustrie: Investitionsoffensive durch neue Technologien

Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Die bisherigen Antriebstechnologien, also die verschiedenen Varianten des Verbrennungsmotors, stehen der Herausforderung einer immer restriktiveren Umweltgesetzgebung gegenüber. Es reicht nicht, dieser nur durch technologische Verbesserung zu begegnen. Zwar lassen sich hierdurch noch erhebliche Fortschritte erzielen, beispielsweise beim Diesel, allerdings nehmen die Kosten für noch umweltfreundlichere Motoren zu. Alternativen wie die Elektrifizierung oder E-Fuels, die regenerative Energie speichern und es damit ermöglichen, den Verbrennungsmotor klimaneutral zu betreiben, werden zunehmend gefragter. Für die Unternehmen besteht damit die Aufgabe, unter Unsicherheit mehrere Technologien gleichzeitig zu entwickeln. Hinzu kommen Investitionen in andere Technologiebereiche wie das autonome Fahren. Die deutschen Unternehmen investierten 2015 rund 32 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, was 40 Prozent der Ausgaben der gesamten Wirtschaft ausmacht. Die Branche ist damit gut gerüstet, die vor ihr liegenden Herausforderungen zu bestehen.

Dies gilt umso mehr, als das aktuelle Wachstumsumfeld noch günstig ist. So haben die PKW- Neuzulassungen in der EU in den ersten vier Monaten 2017 um 4,7 Prozent gegenüber Vorjahr zugenommen. In Deutschland lag das Plus bei 3 Prozent. Der Aufwärtstrend bei den Autoverkäufen dürfte sich vorerst fortsetzen. Die Eurozone weist seit längerem ein stabiles Wachstum auf. Nicht nur in Deutschland nimmt die Beschäftigung zu. Die Realeinkommen sind gestiegen. Allerdings engt die in diesem Jahr höhere Inflation den finanziellen Spielraum der Verbraucher etwas ein. Weiterhin verhältnismäßig günstig sind die Spritpreise und die anhaltend niedrigen Zinsen erleichtern die Finanzierung des Autokaufs. In Ländern wie Italien und Spanien ist das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht, sodass mittelfristig ein weiterer Nachholbedarf besteht.

Weniger günstig sieht die Situation in den USA aus, die bis April sogar einen Rückgang der Light Vehicles von 2,4 Prozent aufweisen. Der chinesische PKW-Markt ist zwar im bisherigen Jahresverlauf noch im Plus (3,7 Prozent), gleichwohl scheint die Dynamik nachzulassen. Stärker ist der Zuwachs in Japan (8,3 Prozent) ausgefallen. Erfreulich ist, dass sich die jahrelange Krise auf dem russischen Markt auflöst. Die PKW-Neuzulassungen sind im bisherigen Jahresverlauf angestiegen. Mit 12 Prozent legte der indische PKW-Markt in den ersten vier Monaten dieses Jahr zu. Die Branche profitiert darüber hinaus von einem anhaltend starken Wachstum des europäischen Nutzfahrzeugmarktes. Aufgrund der Schwäche in den USA und dem Erreichen der Vorkrisenniveaus dürfte der Weltmarkt allerdings 2017 und 2018 moderater expandieren als in den vergangenen Jahren.

Ernährungsindustrie: Getränke bremsen

Die deutsche Nahrungsmittelindustrie weicht im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen des Verarbeitenden Gewerbes kaum zyklische Schwankungen auf. Die Wachstumsmöglichkeiten pro Kopf im Inland sind jedoch begrenzt. Zwar steigt die Bevölkerung aktuell, was der Branche zugutekommt, allerdings ist die Zuwanderung nach Deutschland nach dem Ausnahmejahr 2015 deutlich schwächer ausgefallen. Ende 2016 ist mit 82,8 Millionen die Einwohnerzahl von 2002 nur leicht übertroffen worden. Bis 2011 war die Bevölkerung in Deutschland sogar gesunken. Große Wachstumsimpulse für die Ernährungsindustrie lassen sich aus dieser Entwicklung nicht ableiten. Die Branche hat deswegen schon früh Auslandsmärkte als ein zusätzliches Expansionsfeld entdeckt. So hat sich ihre Exportquote seit der deutschen Wiedervereinigung auf jetzt rund ein Drittel mehr als verdoppelt. Die Getränkeindustrie liegt etwas darunter. Deutschland ist die drittstärkste Exportnation für Nahrungsmittel und Getränke mit einem Anteil von fast 6 Prozent am Welthandel. Davor liegen die USA mit knapp 10 Prozent und die Niederlande mit 6,5 Prozent.

Die Ertragslage war in den vergangenen Jahren im Vergleich zum Verarbeitenden Gewerbe unter-durchschnittlich. Der mittelständisch strukturierten Branche steht ein hochkonzentrierter Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland gegenüber. Die vier größten Handelsunternehmen erreichen immerhin einen Anteil am Lebensmittelumsatz von zwei Drittel. Die Unternehmen müssen also gegensteuern, indem sie ihre Kosteneffizienz weiter verbessern und noch innovativer werden, um damit Vertriebspotenziale zu erschließen. Auch sind der Ausbau von Kooperationen und Zusammenschlüsse zu prüfen. Daneben ändern sich die Verbraucherpräferenzen. „Außer-Haus-Verzehr“ sowie vegetarisches bzw. veganes Essen werden wichtiger.

2017 setzt sich zwar der moderate Aufschwung in der Nahrungs- und Futtermittelindustrie fort, noch ist allerdings die Schwäche in der Getränkeindustrie nicht gestoppt, sodass die Produktion der gesamten Ernährungsindustrie nur wenig ansteigen dürfte. Der Getränkemarkt leidet unter Rückgängen, beispielweise bei Fruchtsäften oder Bier. Gleichwohl dürfte der Rückgang durch den Produktionsindex statistisch überzeichnet sein.

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