Linde billigt Praxair-Deal

Der Linde-Aufsichtsrat hat die umstrittene Fusion mit dem US-Rivalen Praxair ohne den von einigen Beteiligten erwarteten Eklat im Aufsichtsrat gebilligt.

Nur fünf der sechs Arbeitnehmer in dem paritätisch besetzten Kontrollgremium hätten am Donnerstag gegen den milliardenschweren Deal votiert, sagten mehrere mit der Abstimmung vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Alle sechs Vertreter der Kapitalseite hätten dafür gestimmt.

Deshalb habe Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle darauf verzichtet, die Zustimmung der Zwölferrunde mit seinem doppelten Stimmrecht zu erzwingen. Reitzle hatte vorher damit gedroht und damit den Zorn der Arbeitnehmer geschürt. Solche Kampfabstimmungen sind selten und werden von Arbeitnehmern als besonderer Affront gewertet. Reuters hatte bereits am Mittwoch berichtet, dass einer der sechs Arbeitnehmervertreter ausscheren könnte.

Mit der Zustimmung des Aufsichtsrats im Rücken unterschrieb der Linde-Vorstand am selben Abend wie geplant den Fusionsvertrag, wie Linde mitteilte. Zum Abstimmungsergebnis äußerte sich der Konzern nicht. Wenn in den kommenden Monaten auch Praxair, Aktionäre und Behörden das Vorhaben billigen, soll der Zusammenschluss im kommenden Jahr über die Bühne gehen. Die Praxair-Aktie stieg in New York um 1,4 Prozent, die Linde-Titel legten im Frankfurter Späthandel um 3,3 Prozent zu.

Die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) kritisierte den Beschluss. „Es ist bedauerlich, dass die Kapitalseite nicht auf unser Gesprächsangebot eingegangen ist“, sagte ein Sprecher. Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis hatte noch in dieser Woche angeregt, den Konflikt in einem Mediationsverfahren zu lösen. Die IG Metall will sich erst am Freitag zu dem Ergebnis äußern, wie ein Sprecher ankündigte.

Gewerkschaften und zahlreiche Beschäftigte hatten scharf gegen das Vorhaben protestiert und das mit der Sorge um Arbeitsplätze und Mitbestimmung begründet. Zudem verlieren die Arbeitnehmer ihre nach deutschen Recht garantierten Posten im Aufsichtsrat, wenn der fusionierte Konzern seinen Sitz wie geplant ins Ausland verlegt. Aktionäre, die das Vorhaben zwar grundsätzlich begrüßen, kritisierten Reitzles Vorgehen als undurchsichtig und chaotisch. Sie beklagten zudem, dass er die Aktionäre nicht auf einer Hauptversammlung über den Plan abstimmen lassen will.

Reitzle argumentiert, mit dem geplanten Aktientauschangebot an die Linde-Aktionäre erübrige sich eine solcher Abstimmung. Eine Voraussetzung der Fusion ist, dass mindestens 75 Prozent der Aktionäre das geplante Angebot zum Umtausch ihrer Linde-Anteile in Aktien der fusionierten Gesellschaft annehmen. Bei Praxair ist dagegen nach US-Recht eine Mehrheit von mindestens 50 Prozent auf der Hauptversammlung vorgesehen.

Linde und Praxair nahmen im Dezember nach einem gescheiterten ersten Versuch einen zweiten Anlauf zu einer Fusion. 2016 kamen beide Konzerne zusammen auf rund 26 Milliarden Euro Umsatz und 85.000 Mitarbeiter. Der gemeinsame Börsenwert beläuft sich auf 65 Milliarden Euro. Damit würden die beiden Hersteller von Gasen wie Sauerstoff, Wasserstoff und Helium den bisherigen Weltmarktführer Air Liquide aus Frankreich überrunden. Reitzle und sein Vorstandschef Aldo Belloni versprechen sich von ihrem Vorhaben sinkende Kosten und größere Wettbewerbsfähigkeit.

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