Mittelstand in Österreich muss bei Digitalisierung noch aufholen

Wichtig für den Mittelstand: Produkt, Preis, Service und Leistung in Kombination mit Innovationskraft.

In einem Interview des österreichischen Industriemagazins mit Heinz Marx, Gründungsmitglied der Syngroup, erläutert Heinz Marx: Viele Unternehmen seien der Ansicht, wenn sie die ersten Schritte der Digitalisierung machen sei dies gleichbedeutend mit Industrie 4.0. Schritte zu gehen sei prinzipiell nichts Falsches. Aber: „Wir beobachten, dass Digitalisierung in der Industrie noch vorwiegend auf die Produktion abzielt. Dienstleistungen oder gänzlich neue Geschäftsmodelle stehen bei den Unternehmen leider noch klar im Hintergrund“.

Marx ist nicht der Meinung, es wäre strategisch sinnvoller, gleich auf smarte Produkte zu setzen, als vorher mühsam die Produktion smart zu machen. Denn das eine bedinge das andere. Erst wenn die Wertschöpfungskette digitalisiert ist, könnten aus den gewonnenen Informationen Planungs- und Produktionssysteme geschaffen werden, auf Basis derer sich dann neue, skalierbare Geschäftsmodelle durchführen lassen. „Wir beobachten heute, dass weit über 90 Prozent aller Industrieunternehmen automatisiert sind – aber die verschiedenen Anwendungen noch nicht durchgängig miteinander sprechen können. Schnittstellen zu schließen ist hier noch immer ein Thema“, so Marx.

Marx weiter: Die Lösung bestünde nicht darin, erst einmal Industrie 4.0 zu machen und dann smarte Produkte und Dienstleistungen. Dies sei kein „Entweder-oder“-, sondern ein „Sowohl-als-auch-Thema“. Das sei zwingend gemeinsam zu tun. „Wenn ich nicht bereits heute mitbetrachte, wohin der Weg in meiner Branche geht, wird es fast sicher so sein, dass ich mittelfristig irgendetwas extrem effizient produziere – was niemand braucht. Es ist notwendig, den gesamten Wertschöpfungsprozess vom Lieferanten bis zum Konsumenten in das Blickfeld zu nehmen. Produktion, Produkt und Geschäftsmodell müssen in der Industrie 4.0 parallel bespielt werden. Einige Vorzeigeunternehmen – ich denke da etwa an die Kunststoffbranche – haben reagiert, die große Masse der Betriebe ist aber noch nicht so weit“.

Trotzdem habe die Industrie ihre Hausaufgaben beim Thema Smart Factory noch zu machen. Denn: „Ein erfolgreich umgesetztes und propagiertes Modell beispielsweise arbeitet mit einem ‚digitalen Zwilling‘. Das bedeutet: Die Prozesse entlang der Wertschöpfungskette werden virtuell abgebildet und im gesamten Prozess kann ‚die Zeit angehalten werden‘, um zu prüfen, wie der nächste Schritt sinnvoll auszusehen hat. Mit diesem Zwilling der Wirklichkeit lassen sich kontinuierliche Verbesserungsprozesse anstoßen. Viele Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema. Aber zu kurz. Zu wenig tief, zu wenig intensiv. Sie kratzen nur an der Oberfläche. Welchen Produktionsschritt lasse ich aus? Gibt es minimale, ohne exakte Analyse fast nicht messbare Abweichungen? Wie kann ich diese verhindern?“

Offenbar seien sich die Unternehmen des Ernsts der Lage noch nicht bewusst. Marx betont: „Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben. 69 heimische Industrieunternehmen wurden dabei analysiert. 95 Prozent sind dabei, sich Gedanken über IoT ([Internet of Things] zu machen. Viele davon gehen Schritte der Automatisierung. Aber der Realisierungsgrad digitaler Strategie liegt bei weniger als 10 Prozent aller befragten Unternehmen. Das ist erschreckend wenig. Jeder muss sein Geschäftsmodell inklusive Produkt und Service hinterfragen – in all seinen Dimensionen, im Vergleich zur eigenen Branche, aber auch hinsichtlich Dritter, die von außen neue Entwicklungen hereintragen. Ein so grundlegender Wandel, wo alles hinterfragt werden muss, wird oft nur mit Hilfe von außen möglich sein“.

Es gibt die These, die Struktur der Industrie würde sich mittelfristig durch Sharing Economy, Plattformlösungen, dezentrale Produktion jener des Internets annähern – ein engmaschiges Netz vieler Anbieter und Nachfrager. Dazu erläutert Marx: „Es wird sich schrittweise dahin entwickeln. Abhängig von den Branchen wird das unterschiedlich schnell gehen. Es wird dort produziert, wo es am meisten Sinn macht. Kunde, Kosten und Zeit geben es vor. Früher wie heute wurde aus Kostengründen ausgelagert oder aufgrund von Know-how von Zulieferern. Heute ist die Transparenz möglicher Lieferanten viel größer. Ich bekomme – zunehmend auch für komplexe Produkte – jederzeit Angebote aus der ganzen Welt. Umso wichtiger wird es für den Mittelstand, das Produkt, also Preis, Service und Leistung, in Kombination mit der Innovationskraft zu stärken“.

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