China zurückhaltend bei Unternehmenskäufen in Deutschland

Weiter im chinesischen Fokus: Industrieunternehmen / Technologie / Finanzunternehmen

Nach dem Rekordjahr 2016 gehen die Transaktionen chinesischer Unternehmen in Deutschland wieder etwas zurück. Das M&A-Volumen im ersten Halbjahr erreichte mit 6,5 Milliarden US-Dollar zwar den zweithöchsten Stand für ein Halbjahr überhaupt, im Vorjahreszeitraum wurde mit dem Rekordwert von knapp 10,5 Milliarden US-Dollar allerdings knapp 62 Prozent mehr investiert.

Auch die Zahl der Transaktionen ist mit 25 gegenüber dem Vorjahreszeitraum rückläufig. Damals hatten Chinesen 35 Zukäufe getätigt oder waren Beteiligungen eingegangen – ebenfalls Rekord. Aber auch im zweiten Halbjahr 2016 war die Zahl mit 33 noch höher als im bisherigen Jahresverlauf.

Die Entwicklung in Deutschland folgt somit dem allgemeinen Trend in Europa – in fast allen wichtigen Märkten gingen die M&A-Aktivitäten chinesischer Firmen zurück: In Großbritannien von 27 im ersten Halbjahr 2016 auf nun 24, in Italien von 18 auf 12, in Frankreich von 23 auf 10.

Damit steht Deutschland bei der Anzahl der Deals weiter an erster Stelle in Europa – auch wenn der Abstand zum zweitplatzierten Großbritannien auf nur noch einen Deal zusammengeschrumpft ist. Beim Wert hat Großbritannien Deutschland dagegen überholt: Das Transaktionsvolumen dort stieg von 2,7 Milliarden US-Dollar im ersten Halbjahr 2016 auf nun 15,8 Milliarden US-Dollar. Allerdings lag dieser enorme Anstieg vor allem an einem einzigen Mega-Deal: der Kauf der Blackstone-Tochter und Logistikplattform Logicor durch den chinesischen Staatsfonds China Investment Corporation für etwa 13,7 Milliarden US-Dollar.

Insgesamt sanken die Transaktionen in Europa im Vergleich zum ersten Halbjahr 2016 um 34 Prozent von 176 auf 117. Das Volumen schrumpfte von 72,9 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum auf 26,3 Milliarden US-Dollar und war damit nur noch etwa ein Drittel so hoch. Dies sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland und Europa untersucht.

„Die Shoppingtour chinesischer Firmen in Europa geht zwar weiter“, kommentiert Alexander Kron, Leiter Transaction Advisory Services für Deutschland, Österreich und die Schweiz, „allerdings pendeln sich die Aktivitäten langsam wieder auf Normalmaß ein. Chinesische Unternehmen schauen sich Übernahmekandidaten heute viel genauer an. Spekulative Investitionen gehören eher der Vergangenheit an. Vor allem Zukunftstechnologien sind in ihren Fokus gerückt. Ergeben sich da Gelegenheiten, stehen chinesische Investoren nach wie vor bereit. Deswegen ist das chinesische Interesse an europäischen und insbesondere an deutschen Firmen nach wie vor enorm. Aus diesem Grund könnten wir in den kommenden Jahren wieder ein vergleichbares oder sogar höheres Niveau als im Rekordjahr 2016 sehen.“

Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY, ergänzt: „Chinesische Unternehmen wollen durch Übernahmen in Europa Zugang zu den westlichen Märkten und zu konkurrenzfähigen Hochtechnologien erhalten. Auf dem Heimatmarkt sind die Wachstumsperspektiven begrenzt. Für chinesische Manager ist und bleibt Deutschland ein Premium-Standort und zumindest im industriellen Bereich das attraktivste Investitionsziel in Europa. Zusätzlich rücken auch mögliche Ziele hierzulande in den Sektoren Energie und Pharma mehr in den Fokus, weil es in China in diesem Bereich großen Nachholbedarf gibt. Nur im Bereich der kommerziellen Immobilien sind die Chinesen hier noch im Beobachtungsmodus.“

In der ersten Jahreshälfte waren vor allem Industrieunternehmen im Fokus der chinesischen Käufer: In Europa kauften sie 41 – davon 16 in Deutschland. Europaweit gingen zudem Technologieunternehmen (18) sowie Finanzunternehmen (16) häufig in chinesische Hände über. Der europaweit größte Deal betraf mit Logicor allerdings ein Logistikunternehmen.

Unter den zehn größten von Chinesen durchgeführten Transaktionen landeten gleich drei deutsche Unternehmen: Der europaweit zweitgrößte Deal war der etappenweise Einstieg des chinesischen Mischkonzerns HNA bei der Deutschen Bank. Zum Zeitpunkt der letzten Aufstockung Ende April besaß das Aktienpaket einen Wert von knapp 3,4 Milliarden Euro. Die Beteiligung läuft über den Wiener Vermögensverwalter C-Quadrat. Auch der europaweit drittgrößte Zukauf durch Chinesen betraf ein deutsches Unternehmen: das Übernahmeangebot der Creat Group für die Biotest AG, das noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die Behörden steht und sich auf knapp 1,3 Milliarden US-Dollar beläuft. Auf Platz zehn reiht sich der – ebenfalls noch nicht abgeschlossene – Verkauf der Sparte Starter und Generatoren von Bosch an ein chinesisches Konsortium für rund 594 Millionen US-Dollar ein.

Im Ranking der größten Investoren landet China gemeinsam mit Frankreich auf dem vierten Platz – auch der europäische Nachbar investierte in Deutschland 25mal. Damit ist China der – nach den USA – zweitgrößte außereuropäische Investor in Deutschland. US-Unternehmen sind weiter die mit Abstand größten Auslandsinvestoren in Deutschland: Im ersten Halbjahr wurden 82 Übernahmen deutscher Unternehmen gezählt. Großbritannien und die Schweiz kommen auf 33 beziehungsweise 32 Deals hierzulande.

Kron geht davon aus, dass das Interesse chinesischer Unternehmen an deutschen Übernahmezielen hoch bleiben wird: „Hierzulande gibt es nach wie vor viele Übernahmeziele für chinesische Unternehmen. Dabei dürften auch große Unternehmen, die derzeit noch im Besitz von Finanzinvestoren oder Teilbereiche von Großkonzernen sind, an Adressen aus China gehen.“ „Der Brexit könnte das chinesische Interesse an deutschen Firmen zusätzlich befeuern. Bereits jetzt denken einige chinesischen Firmen angesichts der Ausstiegspläne darüber nach, ihre Europa-Zentrale von Großbritannien nach Deutschland zu verlegen.“

Sun erwartet fürs Erste aber keine neuen Rekorde. „Es gibt inzwischen eine Reihe limitierender Faktoren. Auf der europäischen und insbesondere auf der deutschen Seite werden chinesische Offerten für Technologieführer kritisch begleitet, weil ein Ausverkauf wichtiger Technologien befürchtet wird. Deutschland hat bereits sein Vetorecht gegen die Übernahme strategisch wichtiger Unternehmen erweitert. Auf chinesischer Seite wird versucht, durch verschärfte Kontrollen die Kapitalflucht aus dem Land zu verhindern. Zudem sind die Interessenten aus China vorsichtiger geworden und ihre Prozesse deutlich professioneller. Daher kommt es erstmal zu weniger Abschlüssen. Diese sind in der Regel aber auch deutlich nachhaltiger als manche Deals aus der Vergangenheit. Und: Die chinesischen Investoren sind einfallsreich und zielstrebig. Darum nutzen sie jetzt auch diese ruhige Phase, um sich neue Strategien für Investitionen hier auszudenken.“

Mehr Informationen unter: http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/ey-chinesische-unternehmenskaufe-in-europa-juli-2017/$FILE/ey-chinesische-unternehmenskaufe-in-europa.pdf

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