Autobranche bietet große Chancen für Start-ups

Zeitdruck belastet Hersteller / branchenübergreifende Übernahmen zu erwarten

Immer weniger Menschen haben Interesse an einem Dieselfahrzeug. Im Juni dieses Jahres hatten nur noch knapp 40 Prozent der zugelassenen Autos einen Dieselmotor – fast 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Für die deutschen Automobilzulieferer hat dies beträchtliche Folgen, so die Commerzbank zum aktuellen „Sektorbericht Automobilzulieferer.“

„Die neue ‚Dieselangst‘ der Kunden hat weitreichende Folgen für die Autokonzerne: Das wichtige Flottengeschäft steht vor einem großen Umbruch“, erläutert Cedric Perlewitz, Sektor-Head Automotive bei der Commerzbank in Frankfurt. „Damit sind die Autohersteller gefordert, ihren Strategiewandel in Richtung Elektromobilität erheblich zu beschleunigen“, so Perlewitz weiter. Die rückläufige Nachfrage nach Autos mit Dieselmotor drückt auf die Wiederverkaufswerte und verteuert so das Leasing von Dieselfahrzeugen erheblich.

Weitere Herausforderungen für Autokonzerne stellen verschärfte rechtliche Anforderungen an den CO2-Ausstoß sowie neu definierte Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide dar. Dies wiederum treibt bei den Herstellern die Forschungs- und Entwicklungskosten in die Höhe bei zugleich geringerem Absatz an Diesel-Fahrzeugen.

Dabei ist die Zukunft des Dieselantriebs nur eines von vielen Themen, die die Hersteller und Zulieferer derzeit beschäftigen. „Die Automobilbranche befindet sich im stärksten Umbruch seit Jahrzehnten. Neben dem Dieselantrieb stehen vier wichtige Megatrends zur Bewältigung an: Elektromobilität, vernetztes und autonomes Fahren sowie Mobilitätsdienstleistungen“, skizziert Perlewitz die Studienergebnisse. „Zugleich ist die aktuelle Debatte für die Automobilindustrie eine große Chance, den anstehenden Transformationsprozess und Strategiewandel schneller voranzutreiben. Die deutschen Hersteller und Zulieferer mit ihrer führenden Marktposition und ihre starken Bilanzen gestalten daher den Wandel der Industrie aktiv mit“, so Perlewitz.

Immer mehr Deutsche können sich bei ihrem nächsten PKW-Kauf ein Elektroauto vorstellen. Allerdings müssen dafür wesentlich bessere Voraussetzungen in Bezug auf Preis, Ladezeiten und Reichweiten geschaffen werden. „Die Erwartungshaltung der Kunden an die Infrastruktur ist groß, aber der Druck der Politik auf die Hersteller noch viel größer“, erläutert Perlewitz. „Insofern stellt der Ausblick auf einen wachsenden Markt für Elektroautos einen Segen dar, der Fluch jedoch liegt für die Branche zugleich in den Kosten für Forschung und Entwicklung und im zeitlichen Druck“, so der Commerzbank-Experte weiter. Eigentlich hatten sich die deutschen Autohersteller auf einen Massenmarkt mit Elektroautos erst gegen Ende des nächsten Jahrzehnts eingestellt. Dies wird von immer mehr Experten nun deutlich früher erwartet.

Daher schaut die Branche etwas wehmütig auf den asiatischen Raum, in dem die größten Kompetenzen für den Bau von Autobatteriezellen liegen. Dennoch nehmen Autokonzerne und Politik gemeinsam Fahrt auf, um elektrisch angetriebene Fahrzeuge auf dem Massenmarkt zu etablieren. Damit dies gelingt, ist eine wesentliche Verbesserung des Preis-Leistungs-Verhältnisses nötig. Als Zwischenschritt wird mittelfristig der Hybrid-PKW stehen. Um die Pflicht zu strengeren CO2-Reduktionen zu erfüllen, müssen Zulieferer und Autohersteller Verbrennungsmotoren, Getriebe, Reifen und Aerodynamik weiter optimieren.

Vernetztes und autonomes Fahren sind wichtige Treiber von Forschung und technischen Innovationen. Deutsche Zulieferer und Hersteller haben mit 58 Prozent den weltweit höchsten Anteil an Patenten im Bereich des autonomen Fahrens. Sie betreiben selbstfahrende Testfahrzeuge, vor deren Markteinführung jedoch noch hohe rechtliche Hürden zu überwinden sind. „Vollautonom fahrende Autos erwarte ich erst nach dem Jahr 2025“, so Perlewitz.

Zwar haben sich die etablierten Automobilzulieferer bei Fahrassistenzsystemen durch jahrelange Erfahrung eine starke Marktposition aufgebaut, aber die Technologie wird sehr schnell weiterentwickelt. „Gerade bei der ‚Car-to-X‘-Kommunikation, also dem elektronischen Datenaustausch zwischen Fahrzeug und Infrastruktur, droht ein starker Marktzutritt durch branchenfremde Wettbewerber. Dadurch könnten etablierte Automobilzulieferer ins Hintertreffen geraten“, verdeutlicht Perlewitz.

80 Prozent der neu zugelassenen Autos in Deutschland sind bereits vernetzt. Sicherheits- und Fahrerassistenzsysteme sowie Informations- und Kommunikationssysteme kommen in immer höherem Maße zum Einsatz, auch im Segment der Kompaktklasse. „Digitalisierung und Vernetzung führen zu fundamentalen Veränderungen in der Autobranche“, schildert der Commerzbank-Experte die Situation. „Automobilhersteller und -zulieferer müssen sich von der traditionellen Produktion hin zum Mobilitätsdienstleister wandeln.“ Dies erfordert hohe Investitionen in die eigene Software-Kompetenz beziehungsweise in neue digitale Geschäftsfelder, sowohl organisch als insbesondere auch durch Zukäufe. „Wir werden aufgrund der benötigten Digitalisierung mehr Firmenübernahmen sehen. Sowohl innerhalb der Automotive-Branche als auch branchenübergreifend“, so Perlewitz weiter.

Gleichzeitig machen interessante Start-ups auf sich aufmerksam. Auf dem diesjährigen Automotive-Kolloquium der Commerzbank präsentierten sich drei Start-ups zu den Zukunftsthemen Elektromobilität, vernetztes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen. Das junge Unternehmen Ubitricity hat eine Umrüstlösung für einfache Straßenlaternen entwickelt, mit der Elektroautos in Kombination mit einem „intelligenten“ Ladekabel künftig kostengünstig und flächendeckend aufgeladen werden können. Des Weiteren wird das Start-up German Autolabs in Kürze einen ersten digitalen Beifahrer mit künstlicher Intelligenz auf den Markt bringen, der die Kommunikation des Fahrers situationsbezogen steuert. Das Konzept des Start-ups door2door setzt dagegen auf geteilte Mobilität. Die Basis dafür bilden die Smartphones der Nutzer, eine Flotte von Kleinbussen als On-demand-Shuttle und das intelligente Pooling der Fahrwünsche.

„Automobilhersteller und -zulieferer entwickeln sich verstärkt zu digitalen Technologiekonzernen. Künftig werden völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, die wir heute nur ansatzweise kennen“, so Perlewitz. Die aktuellen Herausforderungen werden das Tempo des Wandels in der Automobilindustrie zusätzlich befeuern. Dabei dringen sowohl „Big Data Player“ als auch eine Vielzahl von Start-ups immer stärker in das automobile Universum ein. Zum ersten Mal in ihrer über 130-jährigen Geschichte sind die Fahrzeughersteller und deren Zulieferer dort nicht mehr allein. Daher wird Innovationskraft zu einem der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren.

„Wir erwarten für die Automobilzulieferindustrie im Jahr 2017 ein erneutes Rekordjahr mit Umsätzen in Deutschland in Höhe von 78,9 Milliarden Euro. Aufgrund hoher Investitionskosten und eines verstärkten Wettbewerbs gehen wir ab 2018 von einer gedämpften Ertragslage aus“, so Perlewitz.

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