Studie: Mittelständische Industrie ist bereit für „Finanzierung 4.0“

Hausbanken verkörpern für viele Industriebetriebe noch immer die alte analoge Welt.

Neun von zehn mittelständischen Industriebetrieben würden Kreditgebern Echtzeit-Daten aus ihrer Produktion zur Verfügung stellen, um sie entweder von einer Investition zu überzeugen oder damit sie die Performance einer bereits finanzierten Anlage während der Kreditlaufzeit überprüfen können. Die Unternehmen erhoffen sich von dieser „Finanzierung 4.0“ vor allem schnellere Kreditentscheidungen, weniger Bürokratie und flexiblere Laufzeiten. Das sind Ergebnisse der Studie „Industrieller Mittelstand und Finanzierung 4.0“. Hierfür wurden zusammen mit der TU Darmstadt 187 Vorstände und Geschäftsführer befragt.

Das Internet der Dinge krempelt die Geschäftsprozesse in den Unternehmen um: Basiert es doch auf Echtzeit-Daten, beispielsweise geliefert von Sensoren in Anlagen, Maschinen und Geräten. Aus ihnen geht jederzeit hervor, wie stark die Apparate ausgelastet sowie welche Aufträge eingegangen sind, was im Lager liegt und welche Materialien automatisch nachbestellt wurden. 77 Prozent der deutschen Industriebetriebe erfassen bereits Echtzeit-Daten, um sie im Sinne einer Industrie 4.0 zu nutzen. Das geht ebenfalls aus der Studie „Industrieller Mittelstand und Finanzierung 4.0“ hervor.

Doch die intelligente Produktion hat noch mehr Potenzial: Sie wird auch die Finanzierung im Mittelstand verändern. So wären 85 Prozent aller befragten Finanzentscheider prinzipiell dazu bereit, ihren Kreditgebern Echtzeit-Daten zur Verfügung zu stellen, um sie von einer Investition zu überzeugen oder damit sie die Leistungen einer finanzierten Anlage beziehungsweise Maschine während der Kreditlaufzeit überprüfen können. Das gilt auch für diejenigen Mittelständler, die diese Daten bislang nicht erheben.

„Die Industrie 4.0 wird eine Finanzierung 4.0 nach sich ziehen – eines Tages werden viele Unternehmen ihre Echtzeit-Daten aus der Produktion gegenüber Kreditgebern ähnlich selbstverständlich vorlegen wie ihre Umsatz- und Erlösplanungen. Und die aktuelle Studie belegt, dass die mittelständische Industrie bereits heute mehrheitlich dazu bereit ist“, erläutert Prof. Dr. Dirk Schiereck von der TU Darmstadt, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat. „Mit 59 Prozent erhoffen sich nahezu sechs von zehn Betrieben durch eine Weitergabe ihrer Industrie-4.0-Daten schnellere Kreditentscheidungen.“ Weitere 56 Prozent würden einem Einblick in ihre Echtzeit-Daten gewähren, um den bürokratischen Aufwand bei der Kreditvergabe zu senken, 53 Prozent versprechen sich davon flexiblere Laufzeiten und etwa jeder zweite einen niedrigeren Zinssatz. Weitere Argumente für das Vorlegen der Daten sind die Hoffnung auf eine flexiblere Kreditsumme (46 Prozent) sowie den Verzicht auf dingliche Sicherheiten (35 Prozent).

Bei dem – relativ geringen – Anteil an Befragten, die ihre Echtzeit-Daten nicht an den Kreditgeber weiterreichen würden, dominieren die Angst vor Industriespionage (57 Prozent) und das geringe Vertrauen in die Datensicherheit der Hausbank (46 Prozent). „Die Produktion der Zukunft basiert auf Echtzeit-Daten, und diese bilden zugleich die Säule der Finanzierung 4.0“, sagt Dr. Tim Thabe, Gründungspartner und Vorsitzender der Geschäftsführung von creditshelf. „Die Hausbanken verkörpern für viele Industriebetriebe aber noch immer die alte analoge Welt. Der bevorstehende Einzug der Industrie-4.0-Daten in den Kreditvergabeprozess birgt deshalb Chancen für Anbieter aus der neuen Fintech-Welt, die mit einer hohen Kompetenz sowohl bei der Datensicherheit als auch bei der Bewertung digitaler Projekte punkten können.“

 

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