Zahl der Insolvenzen in Deutschland rückläufig

Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland nimmt weiter ab / Niedrigster Stand seit 1994

2017 meldeten 20.200 Firmen Insolvenz an. 2016 waren es noch 21.560 Unternehmen gewesen. Das entspricht einem Rückgang von 6,3 Prozent. Insgesamt gibt es in Deutschland 2,41 Millionen Unternehmen. Damit sind 0,84 Prozent insolvent gegangen.
Die Höchstzahl an Insolvenzen war im Jahr 2003 zu verzeichnen gewesen, als es zu 39.470 Fällen kam. Damit hat sich die Zahl der Insolvenzen innerhalb von 14 Jahren um fast die Hälfte verringert.

Der Schaden für die Gläubiger betrug insgesamt 26,6 Milliarden Euro (2016: 27,5 Milliarden). Das sind durchschnittlich 1,32 Millionen Euro pro Insolvenzfall. Im Durchschnitt konnten die Gläubiger nur fünf Prozent ihrer Forderungen geltend machen. Der Zahl der verlorenen Arbeitsplätze liegt bei 198.000 (2016: 221.000).

Kleinbetriebe mit nicht mehr als fünf Angestellten machen mit rund 82 Prozent den Löwenanteil an den Insolvenzen aus. Die restlichen 18 Prozent entfallen auf Mittelständler. Großunternehmen waren nur in ganz wenigen Fällen betroffen – beispielsweise der größte deutsche Solarkonzern Solarworld (804 Millionen Euro Umsatz), die Traditionsreederei Rickmers (480 Millionen) sowie die Klinikgruppe Paracelsus (410 Millionen).

Knapp 78 Prozent aller Insolvenzen stammen aus den Branchen Dienstleistung und Handel (15.700 Fälle). 14,9 Prozent stammen aus der Baubranche (3.010 Fälle), 7,38 Prozent aus dem verarbeitenden Gewerbe (1.490 Fälle). In allen vier Bereichen ging die Zahl der Insolvenzen zurück. Das verarbeitende Gewerbe weist die niedrigste Insolvenzquote auf (45 pro 10.000 Unternehmen), die Baubranche die höchste (85 pro 10.000). Das Bundesland mit der niedrigsten Insolvenzquote (38 von 10.000 Unternehmen) ist Baden-Württemberg, gefolgt von Bayern und Thüringen. Die Stadtstaaten weisen die höchste Quote auf. An der Spitze liegt Berlin (93 von 10.000 Unternehmen). Es folgen Bremen und Hamburg.

Der Rückgang der Insolvenzen ist eng mit der positiven Entwicklung der Gesamtwirtschaft verknüpft. Deutschland wurde 2017 wieder Exportweltmeister, erzielte einen Leistungsbilanzüberschuss von über 250 Milliarden Euro. Darüber hinaus stieg die Binnennachfrage spürbar an, woran die kontinuierlich sinkende Arbeitslosenquote (derzeit 5,7 Prozent) einen deutlichen Anteil hatte. Die Zinsen bewegen sich weiterhin auf sehr niedrigem Niveau, was den Unternehmen die Finanzierung von Investitionen und den Zugang zu Krediten erheblich erleichtert.

Kultur des Scheiterns schwach entwickelt

Im Gegenzug existieren allerdings Bedingungen rechtlicher und kultureller Natur, die Insolvenzen eher begünstigen. So schützt die gängige Arbeitsrechtsprechung zwar den einzelnen Mitarbeiter, sie kann jedoch gerade dadurch die Gesundschrumpfung eines Unternehmens verhindern. Darüber hinaus ist hierzulande die Kultur des Scheiterns – anders als in den angelsächsischen Ländern – nach wie vor schwach entwickelt. Scham und die Angst vor Gesichtsverlust bewirken in vielen Fällen, dass Unternehmer die Insolvenz über Gebühr hinausschieben und erst dann anmelden, wenn es für eine Rettung der Firma bereits zu spät ist. Dieses Verhalten ist besonders typisch für Unternehmer, die auf ihren jeweiligen Gebieten über hohes fachliches Know-how verfügen, jedoch nur über ein begrenztes Maß an kaufmännischem Wissen. Der Mittelstand wird sich dieses Problem in steigendem Maße bewusst, was sich in einer zunehmenden Professionalisierung der Führungsebene niederschlägt.

Mehrere bekannte deutsche Mittelständler haben 2017 Insolvenz angemeldet, weil ihre Produkte oder Dienstleistungen sich am Markt nicht (mehr) durchsetzen konnten. So Beate Uhse: Der einst größte Erotik-Konzern Europas geriet schon vor Jahren durch die rasante Zunahme von Internet-Pornos ins Schlingern. Jetzt hat die Online-Konkurrenz mit seinen günstigen Angeboten an Sex-Spielzeugen und Dessous das endgültige Aus des Flensburger Traditionsunternehmens besiegelt. Auch Auctionata ist bankrott: Das Berliner Online-Auktionshaus für Kunst und Luxusobjekte hatte als Start-up Risikokapital in Höhe von fast 95 Millionen Dollar eingesammelt. Obschon das Geschäft zwischenzeitlich lief: Wirklich durchgesetzt hat sich die Idee nie.

Blockierte Auslese schwächt den Markt

Viktor Vanberg sieht in der Insolvenz von Unternehmen kein grundsätzliches Problem, im Gegenteil. Derzeit müssten eher zu wenige als zu viele Firmen den Betrieb einstellen, so der emeritierter Professor des Walter Eucken Instituts für Ordnungsökonomik: „Eine wichtige Funktion des Marktes ist es, zu entscheiden, welche Ideen und Methoden wirtschaftlich tragfähig sind. Wo diese Auslese blockiert ist, verliert der Markt an Schwung. Wenn ineffiziente Unternehmen, die sich am Rande ihrer Existenz befinden, künstlich am Leben bleiben, dann schädigt das auch die Geschäfte von tragfähigen Unternehmen.“

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.