Erste Anzeichen für Fachkräftemangel in Deutschland

Erste Anzeichen für Fachkräftemangel in DeutschlandUnternehmen jagen sich gegenseitig geeignete Mitarbeiter ab / Gebremstes Umsatzwachstum droht

Im November 2017 erreichte die Zahl der erwerbslosen Baufacharbeiter mit 15.600 einen historischen Tiefstand. (Foto: dpa)

Im November 2017 erreichte die Zahl der erwerbslosen Baufacharbeiter mit 15.600 einen historischen Tiefstand. (Foto: dpa)

Der Aufschwung der deutschen Konjunktur stößt inzwischen an erste Grenzen. In einigen Bereichen sprechen die deutschen Wirtschaftsweisen deshalb von gewissen „Anspannungen“, die deutlich werden. Dabei sehen führende Ökonomen das größte Problem im sich abzeichnenden Fachkräftemangel.

Der Fachkräftemangel wird beispielsweise zunehmend in der Baubranche sichtbar. Wie der Chefvolkswirt des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Heiko Stiepelmann, erklärt, könne dies auf längere Sicht das Umsatzwachstum bremsen. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts klagt bereits fast jedes fünfte Unternehmen über den Arbeitskräftemangel, der die Bautätigkeit in ihrer Gesamtheit behindere.

Im November 2017 erreichte die Zahl der erwerbslosen Baufacharbeiter mit 15.600 einen historischen Tiefstand. Als Folge davon zeigt sich ein Phänomen, das in Deutschland lange Zeit nicht zu beobachten war: Die Unternehmen jagen sich gegenseitig geeignete Mitarbeiter ab. Rund 22 Prozent der betroffenen Manager erklärten, im zurückliegenden halben Jahr mit Abwerbungen konfrontiert worden zu sein. „Selbst im Wiedervereinigungsboom war der Anteil mit 13 Prozent deutlich niedriger“, sagt Stiepelmann. Fachkräftesicherung sei für mehr als drei Viertel der Baubetriebe ein Problem.

Auftragsbücher gut gefüllt

Auch im Handwerk kommt es immer häufiger zu Engpässen. Wer fachkundige Hilfe benötigt, muss immer öfter wochenlang darauf warten. Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe sind so gut gefüllt, dass unter Umständen viele Wochen ins Land gehen, bis die Nachfrage befriedigt werden kann. Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks lautet die Auskunft: „Es kann zu Wartezeiten kommen.“ Und auch hier sei der Fachkräftemangel die Ursache: 40 Prozent der Unternehmen klagen darüber, offene Stellen seien kaum zu besetzen. Darüber hinaus ist das Angebot an Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt nach dem jahrelangen Aufschwung sehr dünn. Eine immer größere Anzahl von Jugendlichen drängt es nach einem Studium statt einer Lehre. Und findet darin seinen Niederschlag: Ende des Jahres 2016 blieben 14.000 Lehrstellen unbesetzt.

Laut dem jüngsten Gutachten der Wirtschaftsweisen für die Bundesregierung erfordere der Aufbau neuer Kapazitäten Zeit: „In der Zwischenzeit wird die Anspannung in der Wirtschaft zunehmen, es wird schwieriger, Arbeitskräfte zu finden, und im Produktionsablauf werden verstärkt Engpässe auftreten, so dass sich Aufträge stauen und die Lieferzeiten steigen.” Nach dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) bewege sich Deutschland in großen Schritten in Richtung Hochkonjunktur. Eine Hochkonjunktur ist neben einem starken Wachstum durch kräftig steigende Preise und Löhne gekennzeichnet.

Der Anstieg bei Löhnen und Preisen hat die Ursache in der Bedrohung, dass Unternehmen ihre Dienstleistungen oder Produktionen zum Beispiel durch den Fachkräftemangel nicht mehr ausweiten können. Stattdessen versuchten diese, ihren Umsatz durch höhere Verkaufspreise anzukurbeln. Die deutsche Industrie hat im November 2017 ihre Preise so kräftig erhöht wie seit sechseinhalb Jahren nicht mehr. Hintergrund seien in erster Linie Lieferengpässe gewesen. Nach Ökonom Phil Smith vom Institut IHS Markit stellten die Lieferengpässe mittlerweile ein ernstes Risiko für den weiteren Aufschwung dar.

Mit zunehmender Überauslastung steigt die Fallhöhe

Diese Meinung wird auch von anderen Volkswirtschaftlern geteilt. Stefan Kooths, der Leiter des IfW-Prognosezentrums, meint: „Ein Boom mag sich gut anfühlen, er trägt aber den Keim der Krise in sich. Je weiter die ökonomische Aktivität über das Normalmaß hinaus zulegt, desto größer werden die Risiken für eine Anpassungsrezession, durch die Geschäftsmodelle korrigiert werden, die nur im Boom funktionieren.”

Noch werden die Schwierigkeiten von robusten Wachstumsraten überdeckt. Trotz Brexit, Diesel-Krise und Air-Berlin-Pleite wird das deutsche BIP nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Jahr 2018 wie in 2017 um 2,2 Prozent steigen. Allerdings warnt IfW-Experte Kooths: „Mit zunehmender Überauslastung steigt die Fallhöhe für die deutsche Konjunktur.” Mit Beginn des neuen Jahrzehnts kann es deshalb sein, dass die deutsche Wirtschaft nicht mehr immer weiter steigt, sondern zu ins Stocken gerät.

Kommentare

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  1. Kerstin Maier sagt:

    Es gibt einen Mangel an kompetenten, verantwortungsbewussten und empathischen
    Führungspersönlichkeiten,bzw. mindestens Führungskräften.
    Wenn die leitenden Angestellten in unserem Wirtschaftssystem junge gute ausgebildete Fachkräfte nur immer befristet einstellen, um ihr eigenes Kostenrisiko nach oben klein zu halten, können junge Menschen sich ohne feste Perspektive nicht entwickeln.
    ….und gehen dorthin,wo sie gut und sicher leben können.

  2. Livia sagt:

    Gerade das Baugewerbe galt jahrzehntelang als unatraktiv, weil Billigkonkurrenz aus dem neu geöffneten Osten eindrang. Z.Z. werden überall Fahrer gesucht, aber keiner wil es mehr lernen, weil man damit rechnen (muß) daß diese in absehbarer Zukunft elektronisch ersetzt werden – wie seinerzeit der Setzer!
    Daß das Abitur mit der „Oberstufenreform“ total verwässert wurde ist bekannt und die Menschen nach einem Studienabbruch oder nach dem Studium eines selten benötigten Studienfachs eine gewerbliche Lehre aufnehmen, eher selten.
    Andererseits hat man nichts getan, um vorhandene Fachkräfte zu halten, wenn die älter werden, im Gegenteil! Wer von den 15 600 Erwerbslosen wohl über 50 ist? Man könnte die Arbeitseinkünfte von Personen, die über die Altersgrenze hinaus freiwillig weitermachen, z.B. abgabenfrei stellen …