Unternehmen sollten sich am Gemeinwohl orientieren

Starre Fokussierung auf Gewinnmaximierung untergräbt den Unternehmenserfolg / Bereitschaft zur Ausbeutung von Menschen

Recherchiert man zu diesem Thema, dann findet man bei Google unter dem Begriff „Gewinnmaximierung“ ca. 350.000 und unter dem Begriff „Gemeinwohl“ ca. 1.180.000 Einträge. Während das Thema Gewinnmaximierung vornehmlich aus Sicht von Wirtschaftswissenschaftlern sowie deren Kritikern beleuchtet wird, haben Philosophen, Literaten, Politiker und Religionslehrer schon seit Jahrtausenden das Gemeinwohl ins Zentrum ihrer Analysen und Betrachtungen gerückt.

„Bereits im alten Ägypten wurde der ‚ungeordnete‘ zwischenmenschliche Umgang in den verschiedensten Lebensbereichen als negativ erfahren. Diese Erfahrung wurde im Sinne einer politischen Anthropologie aufgearbeitet und führte zu der Erkenntnis der ‚Herrschaftsangewiesenheit‘ des Menschen. Die Ursache für die Notwendigkeit von Herrschaft führte man schließlich auf die ‚Unvollkommenheit‘ des Menschen zurück.“ „Die souveräne, d.h. durch keine andere Macht beschränkte, Staatsgewalt stellt im alten Ägypten die Institution des Königtums dar.“ Es stellt sich die Frage, welches genaue Verständnis die ägyptischen Pharaonen vom Thema Gemeinwohl hatten. War es Sinn und Zweck der Pyramiden, Zehntausende von Arbeitern und Sklaven in Lohn und Brot zu halten oder diente diese Unternehmung der persönlichen Gewinnmaximierung, durch die der Pharao sich ein Fortleben im Jenseits ermöglichen wollte?

Auch Platon und Aristoteles haben sich schon dem Thema „Gemeinwohl“ gewidmet. Platon (424 – 348 v. Chr.) erhebt den Anspruch, dass die Philosophen genau wüssten, was dem Gemeinwohl dient und diese deshalb die Regierung stellen sollten. Aristoteles (384 – 324 v. Chr.) setzt das Glück der Bürger an die erste Stelle der Ziele, die eine „Polis“ (altgriechisch: Stadt, Staat, ursprünglich auch Burg) erfüllen soll. Danach besteht das besondere Gut, des Gemeinwesens, aus der gerechten Verteilung der Pflichten sowie der ebenfalls gerechten Sicherung der Rechte seiner Bürger. Die Verantwortung für die Formulierung, Einhaltung und Durchsetzung der dem Gemeinwohl dienenden Rechte und Pflichten wurde durch die Herrschaft (griechisch: kratós) des Staatsvolkes (griechisch: dēmos) sichergestellt.

Entstanden war in der Antike die Demokratie durch den Wunsch, die Allmacht und Herrschaft einzelner zu begrenzen. Im Mittelalter definiert der dominikanische Mönch, Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225 – 1274 n. Chr.) das „Bonum commune“ als das, „was für alle Geschöpfe gut ist und wonach alle naturgemäß streben“. Nach dem schottischen Ökonom und Philosophen Adam Smith (1723 – 1790 n. Chr.) stehen Gemeinwohl und Privatwohl allerdings in einem unzertrennlichen Zusammenhang.
Dies leuchtet unmittelbar ein, da ein Individuum erst nach der Verwirklichung seines Privatwohls genügend mentale und materielle Ressourcen haben wird, um seine weiteren Kräfte in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Beim Zusammenwirken von Privatwohl und Gemeinwohl erkennt man den gleichen Wirkmechanismus wie bei kommunizierenden Röhren: Setzt man die dem Menschen gegebene Kraft mit 100% an, so bestimmt das Niveau, bei dem das Individuum das Erreichen von Privatwohl für gegeben hält, die verbleibende Kraft, die für das Gemeinwohl eingesetzt werden kann. Dieser Zusammenhang lässt sich auf das Verhalten von Wirtschaftsunternehmen übertragen.

Solche Unternehmen/Unternehmer, die ihr Handeln ausschließlich an dem Prinzip der Gewinnmaximierung ausrichten, werden keine Maßnahmen zulassen, die die Verfolgung dieses Ziels verhindern oder schmälern könnten. Voraussetzung hierfür ist ein hohes Maß an Egoismus und Rücksichtlosigkeit und damit die Bereitschaft zur Ausbeutung von Menschen bis hin zur Kinderarbeit und natürlichen Ressourcen bis hin zur Brandrodung.
Raubtierkapitalismus findet überall dort statt, wo mangelnde gesetzliche Vorschriften und fehlendes Unrechtsbewusstsein für das eigene Tun zu finden sind. Ein Unrechtsbewusstsein kann sich aber nur dann formen, wenn in der jeweiligen Bevölkerung eines Staates, unter den Mitarbeitern eines Unternehmens und bei den Eigentümern und Investoren Einigkeit darüber besteht, welche sittlichen Werte den moralischen Rahmen für ethisches Handeln bilden.

In welchem Maße ein Unternehmen/Unternehmer seinen Beitrag zum Gemeinwohl leistet, hängt von der Bereitschaft ab, auf einen Teil des Gewinns zu Gunsten des Gemeinwohls zu verzichten (Abb. 14). Ein solch „großzügiges“ Verhalten kann sich im Umkehrschluss auch wieder gewinnbringend zu Gunsten des Unternehmens auswirken: Kundenbindung und gesteigerte Kauflust können immer dann verstärkt werden, wenn der Kunde sich mit den Zielen des jeweiligen Unternehmens identifiziert, z.B.

– Danone Waters/Volvic Trinkwasserprojekt, Äthiopien
– Krombacher Regenwaldprojekt, Zentralafrika
– Feuerwear: Unikate aus recyceltem Feuerwehrschlauch

Sucht man nach Unternehmen, die ihr wirtschaftliches Handeln ausschließlich in den Dienst des Gemeinwohls stellen, so wird man bei gemeinnützigen Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz, dem Johanniterorden, dem Malteser Hilfsdienst sowie den Diakonischen Einrichtungen fündig. Diese haben sich ohne Ausnahme dazu verpflichtet, alle erwirtschafteten Überschüsse im Unternehmen zu belassen und sie für die Erfüllung ihres Auftrages im Sinne des Gemeinwohls einzusetzen. Darüber hinaus nutzen sie die grundsätzliche Bereitschaft des Menschen, einen Teil der Mittel zu spenden, die nach der Erfüllung des individuellen Privatwohls frei sind, um für das Gemeinwohl eingesetzt zu werden. Voraussetzung hierfür ist allerdings das Vorhandensein einer altruistischen Grundhaltung, namentlich die Bereitschaft zu teilen (Abb. 15).

Allerdings darf daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass ein Wirtschaftssystem idealerweise nur aus gemeinnützigen Unternehmen bestehen sollte. Die Geschichte hat gezeigt, dass der Kommunismus, der eine permanente Steigerung des Gemeinwohls durch ein zentral gelenktes Wirtschaftssystem versprach, nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs nicht mehr überlebensfähig war. Es zeigt sich, dass politische Systeme, in denen der Staat/Herrschaftsapparat das Individuum lediglich als kleinste Einheit einer Gemeinschaft sieht, die von der Staatsmacht gesteuert wird, wirtschaftlich nicht erfolgreich sind. Aktuelle Beispiele hierfür sind Nordkorea, Simbabwe, Weißrussland und viele andere mehr.

Der tief in der menschlichen Seele verankerte Wunsch, nicht nur zu überleben, sondern gut zu leben, hat die Menschheit seit ihrem Erscheinen zu immer neuen Errungenschaften geführt. In dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts angebrochenen Zeitalter der industriellen Hochkultur bedurfte es immer wieder staatlicher Eingriffe, um übertriebene Gewinnmaximierung und Gier zu mäßigen. Beispiele hierfür sind die zum Ende des 19. Jahrhunderts eingeführte und seitdem weiter verbesserte Sozialgesetzgebung, vielfältige Gesetze zur Regulierung der Finanzmärkte und Vereinbarungen zur Wahrung des Umweltschutzes, zu denen sich viele Länder der Weltgemeinschaft bekennen (Pariser Klimaabkommen von 2015 in Nachfolge des Kyoto-Protokolls von 1997).

Alle diese sinnvollen Maßnahmen allein reichen aber nicht aus, um verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln nachhaltig sicherzustellen. Hierzu bedarf es der Bereitschaft der Verantwortlichen, sich zu einer Ethik – sittlichem Handeln – zu bekennen, diese niederzuschreiben und sie konsequent, immer und überall zu leben.

Dieser Beitrag ist entnommen aus „Profitmaximierung oder Gemeinwohlmehrung. Interne und externe Motive des Umdenkens“ als Teil aus dem Band „Von der sozialen zur ökosozialen Marktwirtschaft“. Erschienen im Springer-Verlag, 2018.

Max W. Römer ist Gründungspartner und Chairman von Quadriga Capital, Gründungsvorstand des Bundesverbands der Kapitalbeteiligungsgesellschaften BVK Berlin, und Past-Chairman von InvestEurope, Brüssel.

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