Studie: Deutsche fürchten sich vor Algorithmen

Skepsis und Unbehagen gegenüber automatisierten Entscheidungen / Wunsch nach mehr Kontrolle

Die Ergebnisse der Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Digitalisierung von wirtschaftlichen Prozessen zeichnen ein klares Bild: Es herrscht weitverbreitetes Unwissen über die Wirkungsweise der die Digitalisierung treibenden Algorithmen sowie eine große Unentschlossenheit über die Chancen und Risiken und ein erhebliches Unbehagen gegenüber Urteilen und Entscheidungen, die von Algorithmen getroffen werden, sowie damit verbunden ein starker Wunsch nach mehr Kontrolle.

Im Einzelnen zeigt die Umfrage, dass zwar fast drei Viertel der Befragten schon einmal den Begriff „Algorithmus“ gehört haben, jedoch nur 10 Prozent der Deutschen wissen recht genau, wie Algorithmen funktionieren. Fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) konnte spontan nicht sagen, was ihnen zu diesem Begriff einfällt. Zudem ist den Deutschen in vielen Anwendungsgebieten gar nicht bewusst, dass dort Algorithmen eingesetzt werden. Zwar weiß etwa die Hälfte der Befragten, dass Algorithmen auf den Einzelnen zugeschnittene Werbung (55 Prozent) und Nachrichten (49 Prozent) zuspielen, doch weniger bekannt sind potenziell folgenreichere Anwendungsbereiche: Bei der Vorauswahl von Bewerbern oder Krankheitsdiagnosen weiß nur etwa ein Drittel der Befragten, dass dort Algorithmen zum Einsatz kommen (35 bzw. 28 Prozent).

Die Frage, ob mit Algorithmen mehr Chancen oder mehr Risiken verbunden werden, zeigt, dass sich die Deutschen noch kein klares Bild vom Thema gemacht haben. Fast die Hälfte (46 Prozent) beantwortet die Frage mit „unentschieden“. Eine positive Haltung zum Thema haben vor allem diejenigen, die generell im technischen Fortschritt Chancen sehen. Auch männliche Befragte und jene, die eine Vorstellung davon hatten, wie Algorithmen funktionieren, sahen eher ihre Vorteile.

Insgesamt zeigt sich keine klare Tendenz in der Einschätzung des Themas: Auf der einen Seite sahen die Befragten den praktischen Nutzen von Algorithmen, rund die Hälfte verband Begriffe wie „Genauigkeit“ (53 Prozent) und „Effektivität“ (49 Prozent) damit. Auf der anderen Seite stimmten viele Befragte auch negativen Aussagen zu – etwa, dass Algorithmen Programmierern viel Macht über Menschen verleihen (57 Prozent) und dazu führen, dass der Einzelne nur noch eine Nummer sei (54 Prozent).

So unklar die Meinung über Chancen und Risiken algorithmischer Systemen noch ist, so klar ist die Skepsis ihnen gegenüber: In Deutschland herrscht ein erhebliches Unbehagen in allen Gesellschaftsschichten, wenn es um Algorithmen geht, die über Menschen urteilen und Entscheidungen über sie treffen. Eine große Mehrheit (79 Prozent) zieht menschliche Entscheidungen automatisierten vor. Die Abneigung gegenüber Algorithmen ist umso höher, je folgenreicher die Entscheidung ist. Allein bei der Aufgabe der Lagerraumverwaltung, die keine unmittelbaren Auswirkungen auf Menschen hat, kann sich eine Mehrheit (57 Prozent) vorstellen, diese vollständig an Computer abzugeben. Jedoch sprechen sich immerhin noch 36 Prozent dafür aus, dass auch dort der Mensch beteiligt sein sollte. Bei schwerwiegenden Entscheidungen, wie etwa bei der Diagnose von Krankheiten oder bei der Vorauswahl von Bewerbern, lehnten hingegen 40 bzw. 49 Prozent der Befragten es ab, dass bei diesen überhaupt ein Algorithmus beteiligt ist.

Mit diesem Unbehagen geht ein Wunsch nach mehr Kontrolle einher. Fast zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) in allen Gesellschaftsschichten sprechen sich für stärkere Kontrollen von Algorithmen aus. So befürwortet ein Großteil der Befragten die in der Befragung vorgeschlagenen Maßnahmen, beispielsweise ein Recht auf eine zweite Meinung, die Einführung eines Auskunftsrechts für Betroffene, einen Algorithmen-TÜV oder den Einsatz einer Ethikkommission. Fast drei Viertel der Befragten (73 Prozent) sprechen sich sogar für ein Verbot von Entscheidungen aus, die Algorithmen allein treffen. Ein vollständiges Verbot aller Algorithmen halten hingegen nur 10 Prozent für sinnvoll.

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