Wie die Stadt Pforzheim von JP Morgan für dumm verkauft wurde

Es begann damit, dass die Stadt Pforzheim mit einem Finanzprodukt der Deutschen Bank hohe Verluste machte. Der vermeintliche Retter in der Not, JP Morgan, entpuppte sich jedoch als die noch größere Katastrophe für die Finanzen der Stadt. Am Ende verschwanden die Investmentbanker spurlos.

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Die Stadt Pforzheim befindet sich derzeit in einem gerichtlichen Verfahren mit JP Morgan. „Wir sind auf eine lange Reise eingebogen“, charakterisiert der Sprecher der Stadt, Michael Strohmayer, die Geschwindigkeit, mit der man sich auf ein Urteil zu bewegt. Es kann noch Jahre dauern. JP Morgan hatte der Stadt Pforzheim ein Finanzprodukt angeboten, mit dem die Stadt Verluste eines Produkts der Deutschen Bank wettmachen wollte. Doch die neue Strategie führte zu Verlusten in Höhe von 57 Millionen Euro.

Im Jahr 2005 empfahl die Deutsche Bank der Stadt Pforzheim ein Finanzgeschäft mit so genannten „Spread-Ladder-Swaps“ (CMS). Hierbei einigen sich Käufer und Bank anfangs auf einen Nominalwert des Geschäfts und schließen auf dieser Basis eine Wette über den Zinsabstand zwischen zweijährigen und zehnjährigen Staatsanleihen in den nächsten Jahren ab. Vergrößert sich der Spread, entsteht daraus ein Gewinn für den Käufer. Zunächst hatten sich die Swaps zugunsten der Stadt Pforzheim entwickelt, doch plötzlich hatten sie „innerhalb weniger Monate einen unglaublich negativen Verlauf“, erklärt Michael Strohmayer den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Bis ein Verlust von 20 Millionen eintrat. „Es gab hier auch keinen Boden, die Wetten hätten noch weiter laufen können bis beispielsweise 200 Millionen Euro Minus“.

Deshalb entschied sich die damalige Regierung, sich von dem Finanzprodukt zu lösen. JP Morgan bat der Stadt einen Ausweg an. Die bestehenden Swaps von der Deutschen Bank wurden gespiegelt. „Das heißt, egal wie die Swaps verlaufen, haben die gespiegelten Swaps jeweils den gegenteiligen Effekt“. Aus Minus 20 Millionen sind dann Plus 20 Millionen, die den Verlust quasi ausgleichen sollten. Der Preis für dieses Angebot, so Strohmeyer, waren allerdings drei neue Swaps von JP Morgan, die am Schluss mit einem Minus von 57 Millionen Euro zu Buche standen.

Nun versucht die Stadt Pforzheim vor Gericht, die 57 Millionen Euro zurückzubekommen. Mitte März ist der nächste Termin in Frankfurt zur Beweisaufnahme. „Einen Vergleich mit JP Morgan in Höhe von knapp 19 Millionen Euro lehnte der Gemeinderat ab. Wir wollen unser gutes Recht“, so Strohmayer. Und die Chancen, das Verfahren zu gewinnen, sind gut. Im März 2011 sprach der Bundesgerichtshof einem Mittelständler einen Schadensersatz von 540.000 Euro zu, nachdem dieser Verluste durch Geschäfte mit der Deutschen Bank erlitten hatte. Die Bank hatte die Beratungspflicht verletzt, hieß es in der Begründung. Darauf pocht auch die Stadt Pforzheim.

Michael Strohmayer zufolge wurde bei dem letzten Zusammentreffen der Stadt mit JP Morgan und dem Richter deutlich, dass nun kein Gericht an dem Urteil des BGH vorbeikäme. Was JP Morgan der damaligen Regierung über das Risiko und die genaue Funktionsweise der Swaps gesagt hat, weiß Strohmayer nicht. Aber „die Beratung muss komplett fehlerhaft gewesen sein“. Schließlich sei der Ansatz der Kommunen, das Zinsmanagement zu optimieren, und spekulative Geschäfte sind verboten.

Anderen Kommunen und mittelständische Unternehmen sind ebenfalls in solche kruden Finanzgeschäfte geraten, weiß Michael Strohmayer. Besonders die Kommunen kranken an Schulden und müssen mit finanziellen Engpässen auskommen. Die Stadt hat, als sie erfahren hat, dass die Swaps ein Minus von bis zu 77 Millionen Euro erreichen können, im Herbst 2010 zur „Notlösung“ gegriffen. Sie kündigte das Geschäft und zahlte den Marktwert von 57 Millionen Euro.

Glück im Unglück hatte die Stadt Pforzheim dann bei den Gesamteinnahmen im Jahr 2011. Diese waren dank höheren Einnahmen bei der Gewerbesteuer, dem kommunalen Finanzausgleich und größeren Einnahmen bei der Einkommenssteuer rund 60 Millionen Euro besser als erwartet. Das hat die Stadt vor dem Schlimmsten bewahrt. Aber dennoch ist die Neuverschuldung durch die Swaps gestiegen, Investitionen mussten erst einmal aufgeschoben werden und die Haushaltsaufstellung ist weiterhin erschwert.

Die Verhandlungen mit der Deutschen Bank laufen ebenfalls. „Immerhin gibt es hier Gespräche“, sagt Michael Strohmayer. JP Morgan hat den Kontakt zur Stadt komplett abgebrochen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die damalige Oberbürgermeisterin Christel Augenstein und die Kämmerin Susanne Weishaar stehen unmittelbar vor dem Abschluss, so Strohmayer.

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Kommentare

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  1. Chris sagt:

    Bei dem ganzen Geschrei darf man vor allem eines nicht vergessen: Die Banken haben die gleichen Finanzprodukte auch vielen, vielen anderen Kommunen angeboten! Nur die Politiker in Pforzheim und Hagen waren so …, Produkte zu kaufen, die sie nicht verstehen!

    Zur Erinnerung: Wenn es darum geht, was für einen neuen Dienstwagen der Bürgermeister bekommt und über welche Sonderausstattungen dieser verfügen muss, dann beschäftigt sich nicht nur der Chef persönlich damit, sondern verbringt TAGE sich zu informieren, bis eine Entscheidung getroffen ist!

    Mein Rat an Jeden: Wenn euch eure Bank IRGENDEIN Produkt anbietet, egal ob Fond oder sonst was, lasst euch den PRODUKTPROSPEKT !!!AUSDRUCKEN!!! Das Ergebnis wird sein, daß Ihr ganzschön dumme Blicke ernten werdet. Denn meistens haben diese Produkte einen Prospekt der locker 500 Seiten umfasst! Jede weitere Diskussion ist dann hinfällig!

  2. cashca sagt:

    Humor ist wenn man trotzdem lacht!
    Zitat: Doch die neue Strategie führte zu Verlusten in Höhe von 57 Millionen Euro.
    ——–
    Recht geschieht ihnen. Wer mit dem Satan paktiert.
    Ich dachte immer, die Städte und Kommunen seien alle verschuldet, hätten kein Geld für notwendige Investitionen.
    Aber zum Zocken, da haben sie plötzlich Geld.
    Ständig werden die Steuern erhöht, um die Finanzierung der Gemeinschaftsausgaben zu sichern. Wo kommt denn das Spekulationsgeld her?
    Wer gibt den Verwaltern eigentlich das Recht, kommunales Eigentum und Geld zu verbraten, es JP Morgan in den Rachen zu werfen, statt damit ihre Region – die Kommunen zu finanzieren.Dafür hat man kein Geld.
    Welches Personal haben wir eigntlich in der Politik? In der freien Wirtschaft kommen die nicht unter- dazu sind sie zu einfälltig und zu …
    Die Finanzwelt spielt mit den Politikern regelrecht Katzke und Maus.
    dei ahben immer noch nicht begriffen- eine Bank verschenkt nichts, die will Kasse manchen.
    Dafür muß man ununterbrochen einige Dumme finden, die sich rupfen lassen.
    Von nichts kommt nichts.

  3. Grauber sagt:

    “ Christel Augenstein und die Kämmerin Susanne Weishaar “ – man fängt die kleinen Fische –

    Wer hat Präsident Wilson 1912 ins US-Präsidentenamt gehoben und als Gegenleistung, seine Unterschrift unter den „Federal Reserve Act “ erhalten ?
    Die private Bank „FED“ erhielt damit die Hoheit über den Dollar.
    Das Treffen von 1910 auf Jeckyll Island wird negiert.

    Wer hat Teslas Energiesysteme zerstört und das weltweite Öl-Imperium auf die Beine gestellt ?
    Wessen Nachkommen der Firma American Standard Oil machten Poitik ?

    Befaßt man sich mit JP Morgan, Goldman und Warburg, so kommen erstaunliche Dinge ans Licht, die Antworten auf die Frage nach dem WARUM und Gründe für den Lauf der Geschichte deutlicher werden lassen..
    Weitere interessante Themen wären das Wirken von AIPAC, Council on Foreign Relations, IMF ( IWF ), CIA und vielen Anderen.

    JP Morgen und vier weitere Grossbanken der USA sind nicht nur in Europa mit der Produktion sozialer Spannungen und wirtschaftlicher Katastophen befaßt.

    Natürlich – das sind alles Verschwörungstheorien –

  4. Chris sagt:

    Bei den Geschäften mit der Deutschen Bank hat sich damals schon herausgestellt, daß die Stadtkämmerin und die Bürgermeisterin nicht nur ihre Kompetenzen überschritten haben, sondern daß die Beiden schlicht nicht dazu geeignet waren, zu verstehen, was sie da eigentlich machen. Wer sich so verhält, kann sich nicht auf „Gutgläubigkeit“ beruften! Das war grob fahrlässig. Politiker, die so … sind, müssen mit ihrem persönlichen Vermögen zur Verantwortung gezogen werden!

  5. michel sagt:

    Das eigentliche Problem ist doch das unsere Städte und Kommunen von Politikern geleitet werden, die nichts drauf haben. Die würden selbst mit einer Würstchenbude Pleite gehen. Jetzt gegen JP zu klagen ist ein Eingeständnis von Grober Fahrlässigkeit ( wahrscheinlich auch verbunden mit Vorteilsannahme ), und damit der Haftbarkeit der pforzheimer …
    Ich bin sicher, dass dieser Diletantismus in allen Bereichen der Stadt ( und auch in allen Städten ) zu finden ist: Bei den Baumaßnahmen, Förderprogrammmen, Kitas ….
    Die Finanzgeschäfte sind doch nur die Spitze des Eisbergs, und Ober-, oberpeinlich nicht nur für Pforzheim sonder ganz Deutschland!

  6. Wolfgang sagt:

    Sind das nicht die Jungs, die wir retten, indem wir Griechenland retten, ohne CDS zu ziehen?

    • Unzensiert sagt:

      @Wolfgang:

      so ist es.
      Und daher benötigt es auch diese „wertvolle erkaufte Zeit“ um Hochfinanzkredite an Griechenland, in Gemeineigentumkredite der EZB umzuwandeln.

      Wenn das durch ist „darf“ Griechenland auch pleite gehen und zwar mit 100% Schuldenschnitt, denn dann geht es nicht mehr um private sondern um allgemeinheitliche Verluste. (auf gut Deutsch, unsere Kohle ist dann weg)

      Wer das noch immer nicht begriffen hat, wird schwehrlich durch das Lügengerüst der kommenden Entbehrlichkeiten kommen.

      Ich wünsche dennoch allen viel Erfolg dazu…..und immer einen Kanten Brot auf dem Tisch

  7. Fred Kirchheimer sagt:

    Oh und wieder eine dieser endlosen Opfergeschichten in den dt.Medien.
    Da gibt es den bösen Schurken und auf der anderen Seite die dummen Naiven die eigentlich weit unter der Nulllinie geortet werden sollten.

    Aber da das Koordinatensystem der Medien in diesem Land nicht stimmt wird der Doofe quasi zum Mittelmaß ausgerufen nur um dann Strories mit viel Pathos anbieten zu können. Andere „Opfer“ fühlen sich dann bestätigt in ihrem Verhalten, bei dem der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet bleibt. Eigenverantwortung? Nie gehört!

    Man kann das Opfer eines unvorhersehbaren Ereignisses (z.B. Naturkatastrophe) sein. Aber wer unverantwortlichg und somit extrem doof handelt ist eben kein Opfer sondern nur doof oder auch kriminell.

    Tja, die Stadt P. hat also sehenden Auges in Kauf genommen, daß über Jahre die Ausgaben über den Einnahmen lagen, so daß sich konsequenterweise ein Minus aufbaute. Und hier müssen wir schon innehalten, denn bereits da wir ddie Saat des Bösen gelegt.
    Die Frage ist doch, wie es soweit kommen konnte. Wer trägt die Verantwortung dafür und da denke ich nicht an das hier in Deutschland so gern genuschelte ’schuldigung, sondern ich rede von Wiedergutmachung und Bestrafung. Wer einen Schaden verursacht, hat diesen vollständig zu ersetzen, auch unter vollständigem Einsatz seines Privatvermögens bis hin zum Umzug unter die nächste Brücke. Zuzdem ist der Verursacher zu bestrafen und dann erst kann er bei den Opfern um eine Entschuldung bitten. Eine Entschuldung muß gewährt werden und erfolgt nicht automatisch dadurch, daß man sich zwei Sekunden zusammenreißt und ein weinerliches ’schuldigung herauspresst!

    Also, nachdem man in P. schon moralisch so verelendet war, Schulden aufzuhäufen, wundert es auch nicht, daß die gleichen Gestalten ihr Heil darin sahen, die Verluste durch Glücksspiel kompensieren zu wollen. Man hat bei der Deutschen Bank unterschrieben ohne zu wissen, wie das alles hinausgeht und weil es so ohne jegliche Konsequenzen für Stadtkämmerer, Bürgermeister, Finanzminister usw. ist, das Geld der Steuerzahler zu verprassen, hat man dann den Spielpartner im Casino gewechselt. Ganz nach dem Motto: Neues Spiel – neues Glück.

    Bevor sich irgendjemand bei der Stadverwaltung Pforzheim als Opfer von JPM sieht, möchte ich als Steuerzahler doch gerne wissen, wie denn der augenblickliche Stand bei der Rechtsverfolgung der Schadensverursacher Augenstein und Weishaar sind.
    Was heißt hier „kurz vor dem Abschluß“. Wann ist mit dem Urteil zu rechnen? Ich hoffe, daß das dann auch so prominent veröffentlicht wird.

    Vielleicht ändert sich ja die Einstellung der Redaktion von einer Opferbeweinung hin zu einem klaren Fingerzeig auf die Täter.

  8. QuoVadis sagt:

    Wer mit Betrügern Geschäfte macht, muss sich nicht wundern, wenn er betrogen wird.

    • Fred Kirchheimer sagt:

      Nee, diese Aussage greift nicht. Jeder und vor allem diejenigen, die mit dem Geld der Steuerzahler hantieren, haben sich so zu verhalten, daß sie erst gar keine Geschäfte mit Gerissenen machen müssen.
      Wie wir am Beispiel Griechenland sehen können, beginnt der Weg ins kriminelle Fahrwasser bereits damit, daß man glaubt, mehr ausgeben zu können als man einnimmt. Der erste Cent Kredit öffnet bereits die Tür zum Eintritt in die Welt der Kriminellen.

      • QuoVadis sagt:

        „Nee, diese Aussage greift nicht“.

        Diese Aussage greift immer, völlig unabhängig davon, ob es sich um gestohlenes, eigenes oder das Geld des Steuerzahlers handelt.

        Sie ist einfach Fakt.

    • Andri sagt:

      🙂 genau auf den Punkt gebracht. Ein Wahnsinn wie mit öffentlichen Geldern gezockt wird, von Leuten die davon keine Ahnung haben…

  9. mandelkern sagt:

    Was man nicht versteht, sollte man einfach nicht kaufen.
    Auch dann nicht, wenn es der Direktor der Deutschen-Bank-Filiale empfiehlt, mit dem man schon seit Jahren klüngelt.
    2005 war die Finanzwelt allerdings (scheinbar) in Ordnung, die Blasen wuchsen noch, und bis 2008 sahen die Swaps nach einer cleveren Finanzentscheidung aus:
    zocken und absahnen wie die Grossen.
    Nur leider mit dem Geld der ahnungslosen Steuerzahler und mit verpasstem Ausstieg.
    Dass J.P.Morgan einer der 14 Nothelfer sei, die zu wundersamer Rettung herbeieilen, kann selbst im Pforzheimer Magistrat niemand ernsthaft geglaubt haben.
    Oder etwa doch?

    Hoffentlich bekommen die Pforzheimer Bürger einen grossen Teil der 57 Mio. zurück, ihre Stadt kann es dringend gebrauchen.
    Mit 7.6% ist die Arbeitslosenquote dort die höchste im Ba-Wü-Ländle.

    • Ludwig sagt:

      Die Pforzheimer brauchen es eben nicht, denn nur mit überschüssigem Geld geht man ins Spielkasino.

  10. Licht4all sagt:

    Hier 2 Artikel, was alles möglich ist in der Bankenwelt………….

    BANK FÜR INTERNATIONALEN ZAHLUNGSAUSGLEICH – BRÜSSEL ( BIZ)

    Lest die Satzungen aus dem Jahr von 1930/36

    Erinnert an dem ESM…………………

    http://wirsindeins.wordpress.com/2012/03/06/finanz-tyrannei-teil-xviii-bretton-woods-und-die-bis/

    Was haben ‘The City’, der Vatikan und die BIZ gemeinsam?

    http://jcx1.wordpress.com/2011/05/04/was-haben-the-city-der-vatikan-und-die-biz-gemeinsam/