Der deutsche Mittelstand ist nicht ausreichend vorbereitet

Maschinen- und Elektro-Industrie betroffen / Britische Wirtschaft gelähmt

Lediglich vier Prozent aller deutschen Unternehmen sind auf den Brexit und seine Folgen ausreichend vorbereitet. Das hat eine gemeinsame Studie der Strategieberatung Oliver Wyman und der Anwaltssozietät Clifford Chance ergeben. Bei den vier Prozent handelt es sich überwiegend um große Unternehmen sowie Banken und Finanzdienstleister – jedoch kaum um Mittelständler. Diese verfügen meist über keine oder nicht genügend Mitarbeiter, die sich mit der komplizierten Materie – die unter anderem Unternehmensrecht, Steuerbestimmungen und Zollvorschriften beinhaltet – auskennen. Diejenigen Angestellten, die über das notwendige Know-how verfügen, sind häufig mit anderen Aufgaben befasst. Für die Einstellungen von Spezialisten ist das Großbritannien-Geschäft wiederum oft zu klein. Und die Leistungen externer Berater sind mit hohen Kosten verbunden.

Geänderte Zollvorschriften werden die größten Probleme für den Mittelstand aufwerfen. Dies gilt vor allem für solche Firmen, die außerhalb der EU keine Auslandsgeschäfte tätigen und deshalb über keine Erfahrungen im Zollgeschäft verfügen. Für diejenigen Unternehmen, die Niederlassungen in Großbritannien haben, werden sich komplizierte steuerrechtliche Fragestellungen ergeben. Zeit und damit Geld werden die Kontrollen von Warenlieferungen durch den Zoll kosten – der führende britische Arbeitgeberverband Confederation of British Industrie (CBI) hat errechnet, dass eine Stunde Wartezeit pro LKW-Ladung mit 220 Euro zu Buche schlägt.

Probleme ergeben sich auch durch unterschiedliche technische Spezifikationen und Vorgaben, die nach dem Brexit in EU und Großbritannien gelten werden. Davon werden vor allem die Maschinenbau- und die Elektro-Industrie betroffen sein. Für beide Branchen war Großbritannien – hinter den USA, China und Frankreich – bis 2016 viertgrößter Abnehmer. Für den Maschinenbau hat sich das bereits letztes Jahr geändert: Der Export ins Königreich nahm um 2,9 Prozent von 7,41 Milliarden Euro auf 7,2 Milliarden Euro ab, was zur Folge hatte, dass Großbritannien in der Rangliste nur noch Rang fünf hinter Italien einnimmt.

Auswirkungen wird der Brexit auch auf die Lebensmittelindustrie haben. Seit 2014 gilt in der EU das Lebensmittelinformationsrecht, das besagt, dass auf allen Lebensmittel-Verpackungen in der EU die gleichen Angaben stehen müssen. Sollte in Großbritannien nach dem Brexit eine Rechtsänderung in Kraft treten, wird das den Export ins Königreich erheblich verkomplizieren. Weitere Komplikationen könnte die Einführung von unterschiedlichen Prüf- und Zulassungsverfahren für Lebensmittel nach sich ziehen. Für deutsche Lebensmittel-Hersteller ist das Königreich ein wichtiger Abnehmer. Die Exporte dorthin betragen pro Jahr mehr als 4,2 Milliarden Euro. Besonders wichtige Exportgüter sind Fleisch, Obst und Gemüse, Süß- und Backwaren sowie Molkereiprodukte. Insgesamt gehen rund ein Siebtel aller deutschen Lebensmittelexporte nach Großbritannien.

Indirekt betreffen wird der Brexit auch viele mittelständische Auto-Zulieferer. Jedes fünfte deutsche Export-Auto geht nach Großbritannien. Zehn Prozent aller produzierten BMWs, acht Prozent aller Mercedes´ und sechs Prozent aller VWs werden im Königreich verkauft.

Für Großbritannien ist der Brexit mit Kosten von geschätzt 37 Milliarden Euro verbunden. Das wird zu verringerter Nachfrage führen und die Absatzchancen aller Exporteure – eben auch die des deutschen Mittelstands – beeinträchtigen. Laut einer Studie des Kreditversicherers Atradius wird sich die Zahl der Insolvenzen im Königreich im Brexit-Jahr 2019 deutlich erhöhen. Allein schon die Tatsache, dass der Brexit bevorsteht, lähmt das britische Wirtschaftsgeschehen. So wird laut Atradius die Zahl der Insolvenzen bereits dieses Jahr steigen, und zwar um geschätzte vier Prozent gegenüber 2017.

In folgenden Bundesländern finden sich besonders viele Mittelständler, die vom Brexit betroffen sein werden: Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (besonders die Regionen Köln/Düsseldorf und das westliche Ruhrgebiet). Hinzu kommen die Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin.

Der Brexit bietet mutigen Mittelständlern jedoch auch Chancen. Marktbeobachter sind sich einig, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU eine Abwertung des Pfunds nach sich ziehen wird. Das wird es deutschen Unternehmen erleichtern, eigene Produktionsstätten im Königreich aufzubauen, zumal die Immobilienpreise in GB seit dem Brexit-Votum bereits nachgelassen haben.

Beobachter gehen auch davon aus, dass deutsche Firmen die Kosten, die ihnen durch den Brexit entstehen, teilweise auf die britischen Abnehmer abwälzen können. Diese sind nämlich in hohem Maße auf Exportgüter angewiesen, da im Königreich schlichtweg zu wenig produziert wird: Der Anteil der Industrie an der Gesamt-Wertschöpfung beträgt in Großbritannien weniger als zehn Prozent.

 

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