Deutsche Unternehmen fahren Türkei-Investitionen zurück

Das Investitionsvolumen deutscher Unternehmen in der Türkei geht stark zurück.

Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, in der sich das Land befindet, sowie der schwachen Konjunkturaussichten, investieren deutsche Unternehmen kaum noch in der Türkei. Das türkische Bruttosozialprodukt (BSP), das 2017 noch real um 7,4 Prozent und im ersten Halbjahr 2018 real um 6,3 Prozent gestiegen war, wird nach Einschätzung der meisten Ökonomen im zweiten Halbjahr 2018 nicht mehr steigen, sondern unter Umständen sogar rückläufig sein. Fürs Jahr 2019 erwarten die Experten definitiv einen Rückgang: Die Europäische Kommission spricht von minus 1,5 Prozent, Fitch von minus 1,9 Prozent und Moody´s von minus zwei Prozent. Die Aussichten für Investitionen – sowohl von privater als auch von staatlicher Seite – sind negativ. Die Erzeugerpreise erreichten im Oktober die Rekordmarke von 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Verbraucherpreise stiegen im gleichen Zeitraum um 25 Prozent. Letzteres sowie die hohe Arbeitslosigkeit (derzeit beträgt sie 12,3 Prozent mit steigender Tendenz) bremsen die Nachfrage. Die Lohnerhöhungen im nächsten Jahr werden aller Voraussicht nach unter der Inflationsrate liegen.

Die deutschen Unternehmen reagieren auf die Situation mit einem fast durchgehenden Verzicht auf Investitionen. Die Türkei-Expertin von „Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standort-Marketing“ (GTAI/ die Nachfolgerin der „Bundesagentur für Außenwirtschaft“), Sofia Hempel, sagte den Deutschen Mittelstands Nachrichten: „Die meisten deutschen Unternehmen, die bereits vor Ort sind, halten sich mit Investitionen zurück. Und diejenigen, die noch nicht im Land vertreten sind, nehmen von einer Expansion in die Türkei erst einmal Abstand.“

Laut Herbstprognose der Europäischen Kommission werden die Ausrüstungs-Investitionen in der Türkei nächstes Jahr real um mehr als zwölf Prozent zurückgehen. Und das trotz des 2015 geltenden milliardenschweren Aktionsplans zur Förderung von KMU, der 2017 noch einmal erweitert wurde. Als KMU gelten Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern und einem Umsatz von unter 40 Millionen Lira (derzeit 6,75 Millionen Euro). Fast alle türkischen Unternehmen fallen in diese Kategorie – lediglich eine von 500 Firmen gilt als Großunternehmen. Von dem Förderungs-Programm profitieren auch deutsche Unternehmen, die eine Gesellschaft nach türkischem Recht betreiben, welche in die KMU-Größenordnung nach türkischer Definition fällt. Organisiert wird das Programm von der Behörde KOSGEB, die dem Ministerium für Wissenschaft, Industrie und Technologie untersteht. Ziel der Förderung ist es, den technologischen Wandel voranzutreiben und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken. Diese können unter anderem Subventionen für die Anschaffung von Maschinen, Ausrüstung und modernen Technologien beantragen (wobei 60 Prozent der Förderungssumme nicht zurückgezahlt werden müssen) als auch Bankkredite mit staatlicher Bürgschaft in Anspruch nehmen. Darüber hinaus können sie finanzielle Unterstützung für die unterschiedlichsten Zwecke erhalten, beispielsweise die Inanspruchnahme von Beratungsleistungen, die Rekrutierung von besonders nachgefragten Fachkräften, die Umsetzung von Energieeffizienz-Projekten, Marketing-Aktivitäten im Ausland sowie Investitionen in ihre logistische Infrastruktur.

Es gibt allerdings auch Beobachter, die keine Probleme sehen. Thilo Pahl, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK Türkei) in Istanbul, sieht in der Türkei weiterhin einen attraktiven Markt und Investitionsstandort für den deutschen Mittelstand. Eine wachsende, konsumfreudige Bevölkerung und eine herausragende geostrategische Lage zeichnen laut Pahl den Wirtschaftsstandort Türkei aus. Hinzu komme, dass türkischer Pragmatismus und Flexibilität sehr gut mit deutscher Direktheit und Organisationsstärke harmonierten. Das zeige sich in beeindruckenden Zahlen: Mehr als 7.000 deutsche Unternehmen sind in der Türkei aktiv und bieten rund 140.000 Menschen einen Arbeitsplatz. Ein Rückzug aus dem Markt sei bis heute eher eine Ausnahme. Laut einer aktuellen AHK-Umfrage sähen zwei Drittel der Unternehmen eine positive Entwicklung der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen in den vergangenen Monaten. Entscheidender Hebel für mehr Investitionen seien für viele deutsche mittelständische Unternehmen Verbesserungen bei der Rechtssicherheit.

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